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"Wer sind wir?"

Liebe Anwesende

Am 3. November 2017 kam Carmela Odoni zu mir der Idee einer Fotoausstellung zum Thema Adoption. Das war genau zwei Tage nachdem ich meine Arbeit als Leiter des Polit-Forum Bern aufgenommen habe. Ich sass im noch leeren Büro, keine Ahnung wie der Turm funktioniert.

Dass wir heute so zahlreich sind, zeigt das grosse Interesse, zeigt auch dass wir richtig entscheiden haben, die Ausstellung durchzuführen, sie ist toll geworden und nimmt ein wichtiges Thema auf, das wir vom Polit-Forum sicher nicht als erstes auf dem Radar hatten.

Es war eine der ersten Begegnungen, wie ich sie seither übrigens immer wieder habe: mit Leuten, die sich ernsthaft und engagiert mit Gesellschaft und Politik auseinandersetzen. Das Polit-Forum kann und soll Kristallisationspunkte für solche Fälle sein. Es soll gewichten, aber vor allem auch ermöglichen.

Carmela hat Adoptierte in der Schweiz portraitiert, welche die Vielfalt der Herkünfte wie auch der Lebensentwürfe und Erfahrungen zeigen. In ihrem ersten Konzept, das sie mir auf den Tisch gelegt hat, stand:

«Was mich vor allem interessiert, sind die Menschen mit der gleichen Geschichte wie die meine: - wie ist es ihnen ergangen in der neuen Familie - wie leben sie heute - gibt es Gemeinsamkeiten aller Adoptierten ....  Ich zeige Portraits von Adoptierten in ihrem Umfeld. Sei es mit den Geschwistern, den Adoptiveltern oder eben mit den leiblichen Kindern, den neuen Wurzeln. Zusätzlich mache ich Tonaufnahmen der Gespräche. Spannend ist der Aspekt, dass viele Portraitierte fremdländisch aussehen, jedoch in einem akzentfreien Schweizerdeutsch erzählen. Ich werde nicht über die Adoption werten. Beide Seiten sollen aufgezeigt werden und wenn möglich in einem Gleichgewicht zueinander stehen.»

Überzeugt euch selbst. Während der Ausstellung wird es auch Führungen geben mit Michel Wiederkehr. Er ist selber adoptiert, und er macht das feinfühlig und mit Humor, ich hatte schon eine Führung.

 

Die Bedeutung der Adoption hat sich stark gewandelt: Die in der Nachkriegszeit adoptierten Kinder sind heute Erwachsene. Sie stellen zu Recht Forderungen an die Gesellschaft, möchten wissen wer ihre leiblichen Eltern sind, woher sie stammen, was ihre Rolle und ihre Rechte sind. Sie fordern Aufarbeitung und Anerkennung im Falle von Zwangsadoptionen, einem  düsteren Kapitel der Schweizerischen Sozialgeschichte bis 1981, die auch Verdingkinder und andere Opfer von administrativen Zwangsmassnahmen betreffen. Zu Verdingkindern hat das Polit-Forum ebenfalls eine Ausstellung gezeigt. Heute nachmittag hat hier auch das netzwerk verdingt ein Treffen abgehalten. Gerade bei solchen Themen kann das Polit-Forum Bern etwas beitragen, hier im Käfigturm, was früher ein Gefängnis war, eine ausschliessend Institution: Ein Forum, das möglichst viele Menschen mit einbezieht. Einschliesst – das könnte im Kontext eines Gefängnisses falsch verstanden werden.

 

Das Thema hat hohe Aktualität: Auf Anfang Jahr ist das revidierte Adoptionsrecht in Kraft getreten, welches unter anderem das Recht auf Kenntnis der biologischen Eltern vorsieht. Fast gleichzeitig ist ein grossflächiger Adoptionsbetrug in Sri Lanka aufgedeckt worden – von dem auch Adoptierte in der Schweiz betroffen sind. Und Ende März ist die Frist abgelaufen, bis zu der Zwangsadoptierte gemäss Bundesgesetz über die Rehabilitierung administrativ versorgter Menschen Entschädigung einfordern konnten. Diese beiden Themen: Zwangsadoption und Herkunftssuche, werden wir in Veranstaltungen am 23. August und am 4. September hier im Polit-Forum vertiefen. Einen Themenkomplex haben wir nicht aufgenommen: die erleichterte Adoption von Stiefkindern. Der Schwerpunkt liegt auf der Rolle der adoptierten Erwachsenen in der Gesellschaft.

 

Ich freue mich ganz besonders über das Engagement von Carmela Odoni, auch von Caroline Montandon, Michel Wiederkehr, Lisa Brönnimann und vielen andern: Ihr Engagement ist für mich weniger das Engagement von «Betroffenen», sondern von politisch und gesellschaftlich wachen Menschen, Citoyens und Citoyennes im eigentlichen Sinne. Ihr Engagement kommt im Rahmen der Portraits, Führungen, Veranstaltungen und der Lesungen an der Finissage im September zum Ausdruck. Euch allen danke ich von Herzen dass ihr einen Beitrag zur Ausstellung, zur Diskussion und letztlich zur Frage «Wer bin ich» leistet. Die Antwort ist immer auch ein Beitrag zur Frage «Wer sind wir».

 

Der Dank gilt für die VertreterInnen der Behörden, so Barbara Studer, Leiterin des Berner Staatsarchivs, die uns ebenfalls zur Seite gestanden ist. Ein besonderer Dank gebührt Luzius Mader, bis Ende Mai 2018 Delegierter des Bundes für Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und stellvertretender Direktor des Bundesamtes für Justiz. Mit ihm, wie auch mit Bundesrätin Simonetta Sommaruga - und vielen anderen – sind auf Seiten des Bundes sehr engagierte Persönlichkeiten Partner für dieses anspruchsvolle Thema. Luzius Mader wird uns gleich anschliessend nicht nur eine Einleitung, sondern eine umfassende und persönlich Sicht, Einsicht in die Thematik mit Schwerpunkt auf den fürsorgerischen Zwangsmassnahmen geben. Der Dank geht auch die Träger, die das ermöglichen, nämlich Stadt und Kanton Bern, Burgergemeinde sowie die reformierte und römisch-katholische Landeskirche und an das ganze Team des Polit-Forum.

Bern 16.8.2018

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