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Von der Hochwacht zum digitalen öffentlichen Raum

Liebe Interessierte, Liebe Vernissage-Besucherinnen und -Besucher

Der Käfigturm war früher nicht nur Gefängnis, sondern auch Hochwacht – die Augen der Wächter dienten als eine Art virtuelles Netzwerk und der Turm diente als Sammelstelle für räumliche Daten der alten Republik Bern. Die alten Gemäuer hier sind also nicht Gegensatz, sondern ferner Spiegel der aktuellen Ausstellung über den digitalen Raum.

Team und Trägerschaft des Polit-Forums mit Stadt und Kanton Bern, Burgergemeinde und den zwei Landeskirchen sind seit Anfang dieses Jahres neu. Diese erste grössere Ausstellung soll auch ein Stück weit Programm sein:

1.   Das Thema soll besonders auch ein neues und ein junges Publikum ansprechen – und für die Fragen der Politik begeistern. Digitalisierung im Zusammenhang mit Politisierung kam schon vor drei Wochen bei einer Tagung von easyvote zur Sprache – die vielen jungen Leuten im Turm, das hat mich sehr gefreut.

2.   Das Polit-Forum stützt sich auch auf regionale Institutionen und will mit spannenden Leuten aus der Region zusammen arbeiten. Ich freue mich deshalb über die Zusammenarbeit mit den Kuratorinnen Stefanie Marlene Wenger und Roland Fischer aus Bern sowie Raffael Dörig, der eine Ausstellung «Raus aus dem digitalen Unbehagen» letztes Jahr in Langenthal kuratiert hat.

3.   Schliesslich sollen auch Künstlerinnen und Künstler ihre Sicht zur Politik einbringen. Das Mit- und Querdenken brauchen wir, um mit dem Thema besser klar zu kommen.

Der digitale öffentliche Raum

Ausgangsthese und Angelpunkt, um das unendliche Thema Digitalisierung und Politik zu fassen ist der digitale öffentliche Raum. Ich habe viele Stimmen gehört so im Ton von «uhhh, schwieriges Thema, lässt sich nicht fassen, lieber nicht aufgreifen». Offensichtlich macht ja die Politik seit Anbeginn einen grossen Bogen um die Digitalisierung, wie um den berühmten weissen Elefanten im Raum. Wir sind neugierig, das Polit-Forum sollte sich nicht vor schwierigen Themen drücken, sie können ja auch spannend oder dringend sein.

In den digitalen öffentlichen Raum steckt das Digitale drin, das man als Raum begreifen kann. Schon in den 90er Jahren hat man den virtuellen Raum beschrieben, der von Avataren bevölkert ist. Spätestens seit den social media füllen die Meinungen und Emotionen von realen Menschen diesen Raum, und die Frage wie wir ihn als Gesellschaft organisieren, ist dringlicher denn je.

Der digitale Raum ist, sollte oder könnte auch ein öffentlicher Raum sein in dem sich politische Prozesse abspielen. So stellt sich die Frage: wie weit sind diese Prozesse demokratisch, ist der digitale öffentliche Raum ein demokratischer Raum. Aus dieser Frage ergibt sich der Titel der Ausstellung: Re/public – wie können wir das Öffentliche im digitalen Raum aktivieren oder re-aktivieren? Wichtig nicht nur in einer Republik, mehr noch in einer Demokratie.

Wie aber steht es um den physischen öffentlichen Raum? Dieser wird ebenso zunehmend digitalisiert: Das heisst nicht nur Roboter und selbstfahrenden Postautos, sondern auch und vor allem die Nutzung von privaten elektronischen Daten im öffentlichen Raum. Es ist gut denkbar – und wäre dem Thema angemessen – wenn wir diesen Aspekt in einem späteren Projekt zum Schwerpunkt nehmen.

Digitale und physische Räume fliessen immer mehr ineinander. Die Frage, was das für Gesellschaft und Demokratie bedeutet, dringt langsam in die politischen Diskussionen ein. Wie schnell oder langsam wir da vorankommen ist eine Frage der Perspektive angesichts der Entwicklung der Digitalisierung. Im Aufgang des Turms ist eine timeline, alle sind eingeladen, diese mit persönlichen Meilensteinen ergänzen.

Dank

Alles was hier stattfindet ist Teamarbeit und beruht auf dem Engagement von vielen Leuten. Ein Dank den Trägern: Stadt, Kanton, Burgergemeinde, reformierte und römisch-katholische Landeskirchen sowie dem Vorstand, der sich auf diese Reise eingelassen hat. Ein Dank den KuratorInnen Stefanie Marlene Wenger, Roland Fischer, und Raffael Dörig. Auch sie haben sich in kurzer Vorbereitungszeit auf ein Wagnis eingelassen. Merci an Martin Obrist für Technik, an Mark Hohn für Grafik. Ein Dankeschön an die Firma Kilchenmann, die zwei grosse Bildschirme zur Verfügung gestellt hat. Und schliesslich ein Dank an das Team des Polit-Forums Bern mit Stefanie Schüpbach, Anoya Thamotharampillai, Marion Knöpfel und – zugewandt – Michael Braunschweig. Das Team besteht erst seit wenigen Monaten, ich hoffe es ist spürbar, dass uns die gemeinsame Arbeit Freude macht.

Die Idee des Raumes bei den Veranstaltungen

Auch bei den Veranstaltungen zur Ausstellung brauchen wir Raum-Metaphern als grobe Diskussionsrichtung: ist dieser digitale Raum Allmend, Agora, Treffpunkt für Jugendliche wie früher der Loebegge, oder Shopping Mall? Es gibt Leute, die versprechen uns diese Räume als Paradiesgärten und einzelne werden selber sagenhaft reich dabei in der realen Welt. Andere sehen sie als Kampfplatz oder Schlachtfeld – mit der Forderung, dass eine neue Genfer Konvention nötig sei. Das ist deutlich eine andere Kategorie als die Frage von etwas mehr oder weniger Datenschutz. Gerade dieser Sichtweise hat mich zuerst schockiert, aber mit den jüngsten Enthüllungen über die Beeinflussung von Wahlen und Abstimmungen zeigt sich eine bestürzende Aktualität.

Für Diskussionsstoff ist also gesorgt. Der Raum dafür ist hier, im Polit-Forum Bern. Der Käfigturm wird so von der Hochwacht, der virtuellen Sicht- und Sammelstelle aus früheren analogen Jahrhunderten zum persönlichen, analogen Dialogplatz in digitalen Zeiten.

Thomas Göttin, 2. Mai 2018

Ausstellung Republic im Polit-Forum Bern

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