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Brennspiegelbilder

Liebe Vernissage Gäste

Chers amis de Vingrau: Jeanne, Jean, Christiane, Claude et Claudia

Ich begrüsse euch herzlich zu dieser Doppelvernissage. Der erste Teil gilt den Bildern von Raoul Ris, der zweite Teil dem Buch von Stephan Mathys „Vor dem Fenster“.

Ich habe eine wunderbare Woche zu Gast in Vingrau verbracht, kenne Raoul und Stephan schon eine ganze Weile, und darum haben sie beide mir einfach gesagt, ich müsse unbedingt heute die Begrüssung machen.

Man sollte so eine Einleitung nicht schreiben, bevor man nicht die Bilder im Saal sieht: es ist alles da. Vingrau hat rund 600 Einwohner, dort ein Bild, zwei Hauptstrassen, die rue de la révolution hängt mir gegenüber, rundum Hügel auf meiner rechten Seite, abgelegene Seitentäler und einen Steinbruch. Nach Süden ist es 20 km bis nach Perpignan, nach Osten 20km bis zum Meer auf meiner linken Seite. Raoul selbst hat in einem Portrait in einer südfranzösischen Zeitung gesagt: „Ici tout est vaste, ouvert, on ne sait pas où commence et où finit un village…C’est très perméable. Tout se lie, tout s’imbrique, le vent y participe“. Wind und Licht, das sind Raoul’s Themen.

Die Gegend von Vingrau ist aber auch – mein Zugang – ein Kaleidoskop der europäischen Geschichte. In der Ebene auf dem Weg zum Meer liegt Rivesaltes: Hier befand sich das grösste Internierungslager Frankreichs: Le camp de France. Die Weggeschlossenen als Spiegelbild Frankreichs im 20. Jahrhundert: spanische Republikaner, Juden, Kommunisten, Fahrende, Vichy-Gegner, Männer wie Frauen, dann Deutsche und Italiener, später Gefangene aus dem Algerienkrieg und kurz darauf die Harki, Algerier auf der Seite Frankreichs, schliesslich sans papiers und Migrantinnen und Migranten aus Nordafrika und bis heute das Militär lebten in den Baracken.

Im Gegensatz zum Lager in der Ebene sitzen, aufgesetzt auf den höchsten Hügelspitzen der Umgebung, die fast unzugänglichen, katharischen Burgen als eine Art Gegenwelt des Mittelalters wie wir es kennen. Und in Tautavel, dem Nachbardorf von Vingrau liegen grade unter den sanfteren Hügelkuppen, die Höhlen, in welchen vor 450‘000 Jahren von den ältesten Menschen Europas lebten.

In einem von den Gletschern ausgewaschenen Talboden in einem abgelegenen Seitental wachsen Jean’s Reben. Es ist unbehandelter Naturwein in einer kleinen, handgemachten Produktion. In die andere Richtung über den Hügel liegt im Nachbardorf das „Lézard“, die Eidechse, bis vor kurzem die wunderbare Bar von Christiane, wo man sich am langen Tisch zum Abendessen trifft. Die Landschaftsbilder erzählen davon.

Vingrau ist ein katalanisches Dorf, in dem sich viele Leute in den letzten Jahren gegen einen Steinbruch wehrten. Widerstand und Vernetzung über Grenzen hinweg bis nach Bern dank Claudia, und von Vingrau hier ist Claude, die schon einmal hier war und im Bundehaus Protest-Wein ausgeschenkt, wie ich gestern Abend im Commerce erfahren habe. Menschen die sich zusammen finden, auch das gehört zu Vingrau. Der Steinbruch wurde gebaut, die Sprengungen hört man fast täglich. Man hört aber auch die Nachtigallen in den verwunschenen Gärten am Dorfrand gegenüber dem Salle des Fêtes oder im Chemin des oiseaux hinter mir .

In diesem Salle des Fêtes in Vingrau hat Raoul im Sommer seine Bilder ausgestellt. Ausgestellt ist vielleicht das falsche Wort, weil die Bilder viel mehr mitreden als nur ausgestellt sind: Einmal waren wir zu Gast, als Raoul wie immer am Montag Freundinnen und Freunde zum Znacht und Wein an einen langen Tisch eingeladen hat. Es war ein heller Raum, Küche, Esszimmer und Atelier voll Farben und Leinwänden in einem. An diesem Abend wurden die Bilder eines nach dem andern hervorgeholt und diskutiert: Eine Diskussion zwischen Portraitierten und Portraits sozusagen.

Un résumé pour nos amis de Vingrau: je parle de vous, de notre soirée chez Raoul, quand on discuté des tableaux, des portraits, de l’opposition contra la carrière, des rossignols et de la soirée au Lézard, du vin de Jean, de Tautavel et du camp de France.

 

Ich bin ein grosser Fan der Portraits und freue ich, dass Raoul die Menschen endlich nicht mehr nur von hinten malt – wir haben viel darüber diskutiert.

Portraits sind heute keine Selbstdarstellung der Eliten mehr, das beweist ja Raoul gerade, sondern sie zeugen von Vielfalt, von der Bereitschaft und dem Stolz der Menschen in der Auseinandersetzung mit sich selbst. Die Portraitierten haben ihr Geschichte im Katalog selber geschrieben, Donius z.b. hat mir mehr als einmal gesagt, Raoul solle sein Bild endlich fertig malen, und dazu schreibt er „voici venu le plus beau jour de mes 52 ans sur terre“.

Portraits, auch wenn sie fertig gemalt sind und an der Wand hängen, sind nicht „eingefroren“: sie entwickeln sich weiter im Auge des Betrachters. Paula und ich haben über dem Stubentisch Portraits von Jean und Jeanne aufgehängt. Sie begleiten uns, wir reden mit ihnen, sogar wenn wir Lämpen haben, spricht vielleicht jemand von uns zu ihnen statt zum Gegenüber, sie ändern sich wie wir uns ändern.

Und weil unsere Stube ein grosses ehemaliges Schaufenster hat, sieht man die beiden auch, wenn man auf der Strasse vor dem Fenster steht,  oder umgekehrt schauen sie durchs Fenster auf die Leute in der Strasse. Wir schütteln das Kaleidoskop und neue Bilder und Geschichten tauchen auf, und unvermittelt sind wir im Buch von Stephan Mathys. Es trägt den Titel „Vor dem Fenster“, ist sein erstes Buch und das Buch und er feiern heute ebenfalls Vernissage.

Bei ihm steht ein Bild am Anfang jeder Geschichte, und die Geschichten sind wunderbar ineinander verwoben – manchmal auch verwoben mit den Bildern von Raoul Ris. Plötzlich ist man in Katalonien beim Alten, der die Hand im Bürgerkrieg verloren haben soll und reist seinem Sohn „Antonio“, dem Maler auf umgekehrtem Weg Reise von Barcelona durch die Ebene von Rivesaltes bis nach Bern.

Ce voyage du sud de la France jusqu’à Berne semble-t-il est compliqué, loin d’être ligne droite, de toute façon j’ai aussi appris hier que ça arrive qu’on passe par Bezençon…

Die Geschichten sind verbunden über Figuren und mit Handlungsfäden verknüpft. Ereignisse werden aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Stephan hat ein ganzes Netz von feinen Bezügen und Begriffswelten gewoben: Sie entfalten sich vor oder hinter dem Fenster, unter dem Text, je nach Leseweise und kreisen um Begriffe wie Spiegelbild, Hades, Dinosaurier, Unfall, Fisch, Ohr, Teppich oder Weihnachtsfest. Zum Lesevergnügen gehört, dass man irgendwo einsteigen kann, vorwärts und rückwärts springen, wie der Junge im Text „Spiegelbild“, der den Tom Sawyer von hinten nach vorne liest: „Richtig verkehrt ist auch irgendwie richtig“ sagt sein Vater, der Cellospieler.

Weshalb sie diese Vernissage gemeinsam machen, habe ich sie gefragt: Stephan sagt, beide sagen es: Weil sie ähnlich malen wie schreiben, weil sie sich für die Motive unter der Oberfläche interessieren. Und zu diesen Motiven gehört, so hat es Raoul formuliert „die Unheimlichkeit der Zuneigung zur Welt“.

Es gibt eine zweite Antwort: weil’s fägt, und weil sie seit 2011 immer zusammen an den Vernissagen aufgetreten sind, das wissen diejenigen, die Raoul und Stephan schon länger kennen. Sechs der Geschichten hat Stephan für Vernissagen von Raoul geschrieben. Andere Texte und Hörspiele sind an Bilder von Raoul angelehnt, und umgekehrt hat Raoul das Titelbild zum Buch beigesteuert.

Seit rund 15 Jahren schreibt Stephan Texte, Hörspiele, oft in Verbindung mit Musik. Das Vergnügen an Texten ist ja auch, dass man sie wie Bilder immer wieder anders lesen und sogar hören kann. Ihr seht es schon, wir erhalten eine Geschichte aus dem neuen Buch von Stepan als Hörspiel erzählt.

Also weg mit dem eigenen Alltag, Blick ins farbige Kaleidoskop. Die Geschichte heisst „Weihnachtsfest“, und hier sitzen schon die Eltern, Chantal und Karl, beide ungefähr Mitte 60, und mit ihnen zusammen sind Sebastian, der Sohn und seine Frau Kathrin…

 

Und zum Schluss: Kauft Bilder, das ist das Beste was man tun kann. Kauft Bücher – das ist ebenso gut, beides ist in dieser Welt voll Konsum und Gewalt etwas vom langlebigeren und friedlicheren, was man tun kann.

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