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Eine vegetarische Rede

Liebe Stubengenossinnen und –genossen

Gerne überbringe ich euch die Grüsse der Stadt Bern, auch wenn ein paar Gründe gegen mich als Redner sprechen: Da ist einmal mein Dialekt. Dann ist unter unseren Familienvorfahren Peter Ochs, ein Anführer der demokratischen Revolution in der Schweiz und später Gründer von der Helvetik – damals nicht unbedingt zur Freude aller Gesellschaften. Und schliesslich bin ich Mitglied der SP – was aber schon wieder ein Grund dafür ist, weil mir die Anrede mit den Stubengenossinnen und –Genossen – vor allem der zweite Teil - leicht fällt und vertraut vorkommt.

Ein anderer Grund dafür ist, dass ich altes Handwerk liebe. Als Stadtratspräsident habe ich unter zusammen mit meiner Partnerin das Flaggschiff von Bern getauft, ehrlicherweise muss man sagen, auch das einzige Passagierschiff in Bern: die Ittume des Aare Club Matte. Und da habe ich mich mit der Tradition vom Schifferhandwerk und den uralten Ritualen von einer Schiffstaufe auseinandergesetzt.

Mit dem Handwerk habe ich auch eine Schwäche für die Zünfte: Die haben sich ja als Gegensatz zum mittelalterlichen Feudalsystem verstanden und haben viel zum Selbstbewusstsein von der Städte beigetragen. In den feudalen Systemen, damals wie heute, ist die Tendenz, dass die Reichen reicher werden und sich abschotten vom Rest der Gesellschaft. Umgekehrt kann man überall beobachten: wenn die Städte gut unterwegs sind, das heisst friedlich, mit politischem und wirtschaftlichem Handlungsspielraum und sozialem Ausgleich, dann kommt das der ganzen Gesellschaft zugute. Auch heute erlebe ich Bern als eine Stadt im Aufbruch – was Bevölkerung, Finanzen und was innovative Projekte betrifft. Die Stadt Bern ist in meiner Wahrnehmung nichts von langsam oder schläfrig, sie ist selbstbewusst und hellwach. Einen wichtigen Anteil hat übrigens auch die Burgergemeinde, die ich in diesem Jahr als höchster Berner als sehr innovativ und engagiert kennen gelernt habe. Gerade gestern haben wir im Generationenhaus eine spannende Veranstaltung durchgeführt zu den vielen Projekten von sozialer Innovation, die es in Bern gibt.

So zwischen Vorspeise und Hauptgang eines guten Essens stellt sich die Frage, was ist überhaupt eine politisch korrekte Rede. Wir haben am letzten Donnerstag im Stadtrat eine Stunde über vegane, vegetarische und karnivore Essensvarianten gestritten, keine Debatte für einen Gault Millau Stern. Als Stadtratspräsident will ich es heute politisch korrekt machen und habe mich darum für eine vegetarische Rede entschieden. Das heisst: keine Aussagen über Tiere, grosse oder kleine, auch nicht über Sumpfhühner wie kürzlich ein deutscher Politiker, der gesagt hat, dass Sumpfhühner über alle Parteien gesehen der Normalverteilung entsprechen, was gemäss meiner Beobachtung auch für Bern gilt. Aussagen über Eierköpfe sind vegetarisch möglich, lasse ich aber aus Rücksicht auf Veganer auch weg.  

Reden wir also über Pflanzen, zum Beispiel über Geranien. Bern feiert dieses Jahr Geranium City, es soll auch eine Wahl eines Geranienkönigs oder einer -königin geben. Viele Geranien zeichnen sich durch das Zusammenspiel von roten Blüten und grünen, gemusterten Blättern aus, aber es gibt auch hängende Sorten. Es gibt eine eigene Sorte „Die Schöne von Bern“ mit kräftiger roter Blüte, dunkelgrünen Blättern und von robuster Natur. Ob Blätter und Blüten bei der „Schönen von Bern“ ein besonders harmonisches Gesamtbild ergeben ist in der Geranienforschung allerdings umstrittten, ich habe auch schon sehr zerzauste Exemplare gesehen, was man auch in diesem Herbst nicht ausschliessen kann. Im Trend sind aber auch Geranien mit einem Blaustich, zum Beispiel die „Trend Neon Blue“. Blauen Blumen waren schon die typische Blume des 19. Jahrhunderts. Heute haben etwas sehr geheimnisvolles: Man sieht sie seltener in den letzten Jahren, man versteht sie nicht immer auf Anhieb - und auch später nicht unbedingt. Ich glaube das hängt damit zusammen, dass ihnen das Blattgrün abhanden gekommen ist, das für einen kräftigen Wuchs aus meiner Sicht unbedingt nötig ist.

Was übrigens bei einer vegetarischen Rede besonders von Vorteil ist: sie ist kompostierbar.

Besondere Freude bereitet mir das Motto „Pfisternmeile“. Auf der Einladung hat es sogar ein Velo und die ganze Meile ein einziges Eldorado für den Langsamverkehr. Dazu passt ein kleines persönliches Präsent, das mich im Präsidiumsjahr begleitet: Ein Bildband, das ist gäbig, es hat fast immer etwas Passendes drin, auch die Pfisternmeile ist bildlich vertreten.

In diesem Sinne: herzliche Grüsse von der Stadt, herzlichen Dank für die Einladung, und ich freue mich sehr auf den Tanz im Anschluss, das ist eine Tradition, die ihr als Gesellschaft zu Pfistern und wir alle als Gesellschaft unbedingt weiter führen sollten.

Thomas Göttin, 29.10.2016

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