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Von unsichtbaren Dingen

Begrüssung
Fraktionszwang im Äusseren Stand...
...beim Nachtessen Behördendialog
Gruppenfoto auf dem Gurten

Begrüssungsrede von Thomas Göttin zum 10. Internationalen Nano-Behördendialog vom 18./19.5.2016 in Bern. Es gilt das gesprochene Wort. Bern 18. Mai 2016

 

Werte Gäste aus Deutschland, Österreich, Luxemburg, Liechtenstein und der Schweiz

 

Sie sehen es mir vielleicht nicht an, aber ich trage heute zwei Hüte: Ich begrüsse sie als Mitglied der Geschäftsleitung des BAFU und gleichzeitig als Präsident des Berner Stadtparlaments, und damit höchster Berner. Herzlich willkommen also in Bern, der Hauptstadt der Schweiz.

 

Das aber ist leider doppelt falsch: Wir sind hier auf dem Gurten nicht in Bern sondern auf dem Boden der Gemeinde Köniz. Köniz ist älter als Bern, und ist vor genau 1000 Jahren das erste Mal erwähnt worden. Und Bern ist nicht die Hauptstadt der Schweiz, das wollten die andern Städte 1848 dann doch nicht, sondern offiziell nur die „Bundesstadt“. Vorher, bis zum Einmarsch Napoleons war Bern allerdings über Jahrhunderte der grösste Stadtstaat nördlich der Alpen. Das Berner Rathaus, im Jahre 1417 fertig gestellt und weitgehend im Originalzustand gilt als grösstes öffentliches Gebäude aus dieser Zeit nördlich der Alpen.

 

Ihr Thema ist die Nanotechnologie, das sind ja diese Teile, die man nicht sieht, und so halte ich mich als Stadtratspräsident an die Vorgabe und spreche über das, was man nicht so offensichtlich sieht in einer Stadt: Bern ist einer der wichtigsten Wirtschaftsstandorte der Schweiz. Und Bern ist ein Motor für soziale und gesellschaftliche Innovationen, die man definitionsgemäss nicht einfach so sehen kann, da sie sich in erster Linie im Alltag auswirken:

·        so gibt es zum Beispiel ein Haus der Religionen, das weltweit einzigartig ist und in dem mehrere Religionen ihre Kultstätten unter einem Dach haben,

·        es gibt ein autonomes Zentrum, das seit 30 Jahren allen Abbruchversuchen widerstanden hat und das eine enorme Ausstrahlung auf die immer wieder nächste junge Generation hat,

·        es gibt ein von Künstlerinnen und Künstlern als Ateliergemeinschaft betriebenes ehemaliges Schulhaus mitten im Zentrum der Stadt, der progr, der weit über Bern hinaus vernetzt ist, z.b. mit Berlin und Wien,

·        Bern hat ein Schulprojekt ins Leben gerufen, bei welchem von Beginn weg auch die Eltern vor allem von Migrantenkindern einbezogen werden, oder eine neue Form von Quartierorganisationen eingeführt, welche den gesellschaftlichen und politischen Dialog in den Quartieren stärkt.

 

Das sind alles spannende Kristallisationsorte für soziale Innovationen, wo neue gesellschaftliche Formen von Dialog, Austausch- und Integration entstehen, zwischen Religionsgemeinschaften, Generationen, Künstlergruppen, Migrationsgesellschaften oder in den Quartieren.

 

Und mit dem Stichwort Dialog bin ich schon beim Ihrem Thema. Auch Sie pflegen den Dialog, das weiss ich von früheren Tagungen an denen ich teilgenommen habe. Dialog ist Basis erfolgreicher Politik bei komplexen Themen. Dialog bedingt aber auch eine selbstbewusste Rolle aller Partner sowie gegenseitiger Respekt. Das heisst eigenständige, unabhängige Behörden, kritische Wissenschaft, dialogbereite Wirtschaft. Ein Dialog zwischen gleichen Meinungen ist nicht schwierig, aber bringt auch nicht viel.

 

Die Vertreter aus der Schweiz werden es vielleicht mitbekommen haben: am letzten Wochenende ist ein spannender Text eines grossen Schweizer Juristen und Liedermachers, Mani Matter, aus dem Jahre 1965 wieder aufgetaucht Er definiert geradezu das Wesen der Demokratie eben nicht mit Volksherrschaft, sondern mit „demokratischem Miteinanderreden“.

 

Es gibt mehr oder weniger gelungene Beispiele. Hier in der Schweiz gehört sicher der Risikodialog im Bereich der Naturgefahren zu den erfolgreicheren Beispielen: Wo wollen wir wieviel Risiko bei Naturgefahren zulassen, das ist eine eminent gesellschaftliche und damit dialog-orientierte Frage. Auch dazu gibt es in Bern ein Beispiel: der integrale Hochwasserschutz der Aare zwischen Thun-Bern. Dieser wurde nach den Hochwassern von 1999 und 2005 entwickelt und umfasst die verschiedenen gesellschaftlich wichtigen Aspekte: Hochwasserschutz, Trinkwasser, Natur- und Vogelschutz, Erholung, Stadtbild etc. Die Aare hat sich oberhalb von Bern im Zuge der Umgestaltung zu einem äusserst beliebten Naherholungsgebiet gewandelt, falls Sie Zeit haben machen Sie einen Spaziergang.

 

Das schwierige bei neuen und komplexen Fragestellungen ist ja: wie weit hilft der Rückgriff auf Erfahrung, die sich oft in Routine und Selbstverständlich-keiten manifestiert, und in wie weit werden damit Chancen verpasst und Risiken unterschätzt. Und wann sind neue Bezugswelten gefragt, in welchen neue Fragen sinnvoller diskutiert und Lösungen eingebettet werden können.

 

Wir haben zuhause tausende von elektronischen Fotos – aber keine Fotoalben mehr. Funktioniert die Archivierung von Fotos über Generationen noch, oder brauchen wir neue Routinen? Oder: ein Stoff wird plötzlich um Grössenordnungen häufiger eingesetzt – funktioniert das alles gleich auch bei tausendfacher Menge? Und damit verbunden die ebenso schwierige Frage: wie können wir neue Bezugswelten schaffen, uns an neue Erfahrungswerte herantasten. Es gibt vermutlich keine Wunderlösung, aber mit Sicherheit ist eines der wichtigsten Instrumente, um neue Erfahrungen auszutauschen und abzugleichen eben gerade das: Dialog und Austausch. Nur wird das Instrument leider viel zu wenig eingesetzt.

 

Ich denke, der Dialog im Bereich Nanotechnologie ist ein gutes Beispiel. Und die Tatsache, dass es sich heute bereits um die 10. Ausgabe dieser Veranstaltung handelt, ist nicht nur ein Jubiläum, das Gratulation verdient, sondern zeigt Bereitschaft, dauerhaft daran zu arbeiten.

 

Mit der Nanotechnologie eröffnen sich neue Entwicklungsmöglichkeiten. Denen stehen bisher nur teilweise beantwortete Fragen rund um die Gefahren und Risiken gegenüber. So sind zwar Gesundheitsrisiken durch Russpartikel aus Motorabgasen und Heizungen gut bekannt. Ähnliche, aber weniger bekannte Effekte könnten auch bei Exposition gegenüber synthetischen Nanopartikeln auftreten. Auch wenn man die Nanopartikel seit dem Rastertunnelmikroskop „anschauen“ kann: die Konsumentinnen und Konsumenten sehen im Allgemeinen nichts davon, wenn sie Produkte kaufen. Es gilt also, das Thema Nanotechnologie im gesellschaftlichen Kontext weiter zu entwickeln.

 

Für die Schweiz als Technologienation ist die Entwicklung neuer Wirtschaftsfelder von zentraler Bedeutung. Dies betrifft primär die Forschung über technische Eigenschaften und Anwendungs-möglichkeiten von Nanomaterialen. Genau so wenig darf jedoch die Risikoforschung vernachlässigt werden. Eine Aufgabe der Behörden ist der Schutz von Arbeitnehmenden, der Bevölkerung und der Umwelt. Die Erarbeitung der Grundlagen und Methodik zur Risikobeurteilung von Nanomaterialien erfordert internationale Zusammenarbeit, wegen des grossen Aufwandes und wegen der Vielfalt der Materialien und Anwendungen. Die Herausforderungen sind für alle Industrieländer ähnlich. Deshalb ist auch die internationale Zusammenarbeit wichtig. Ich wünsche Ihnen einen offenen, spannenden, regen, konstruktiven Austausch, und ermutige Sie: nützen Sie die unterschiedlichen Erfahrungen und Bezugsrahmen, welche hier versammelt sind.

 

In einer Musikband braucht es Spezialisten für jedes einzelne Instrument. Auch bei Ihnen braucht es eine Vielzahl von Spezialisten aus verschiedenen Fachgebieten, aus Wissenschaft, Wirtschaft und Behörden, damit die Musik spielt. Rein physisch wird sich der Austausch vorwiegend in Form von Sitzungen abspielen. Ich wünsche Ihnen deshalb auch das: eine gute Sitzung. Das Nachtessen findet dann im Äusseren Stand statt, einem wunderbaren Saal aus dem 18. Jahrhundert. Das passt, denn dort übten die jungen Männer der Patrizierfamilien das Regieren, das heisst vor allem Sitzungen abhalten und Reden schwingen. Sollten wir uns heute noch einmal sehen, kommen wir vielleicht auf das Wesen der Sitzung und auf Mani Matter zurück. Jetzt aber wünsche ich Ihnen im Namen der Geschäftsleitung des Bundesamtes für Umwelt und der Stadt Bern für den heutigen Tag: Neue Erfahrungen und viel Erfolg.

 

 

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