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Zyliss: Ein filmisches Lehrstück über die aktuelle Streikkultur in der Schweiz

Streikende der Zyliss in Lyss

Im November 2003 treten die 80 Angestellten des Lysser Haushaltgeräteherstellers Zyliss in einen mehrtägigen Streik. Sie wehren sich gegen die Schliessung der Produktionsstätte und die Verlagerung ihrer Arbeitsplätze nach Asien. Die Berner Videojournalistin Verena Endtner dokumentiert in ihrem Film den interessanten Prozess, wie aus normalen FabrikarbeiterInnen kämpferische und selbstbewusste AkteurInnen eines Streiks werden.

20. November 2003, frühmorgens auf dem Golfplatz des Nobelclubs von Zumikon: Auf dem satten Grün tummeln sich ungewöhnliche Gäste. Die streikenden Beschäftigten des Küchengeräteherstellers Zyliss aus Lyss im Seeland sind hierher gekommen, um einmal selbst zu erleben, wo und wie sich ihre Chefs entspannen. Der Besuch des Golfclubs war die witzigste Aktion im Verlauf des achttägigen Zyliss-Streiks im letzten November. Und er lieferte die spektakulärsten Bilder eines Films, den die Berner Videojournalistin und Filmemacherin Verena Endtner über den längsten Arbeitskampf in der Schweizer Maschinenindustrie der Nachkriegszeit gedreht hat. Der Film schlägt den Bogen von der Ankündigung der Schliessung am 2. Oktober 2003 über erste Betriebsversammlungen mit den Gewerkschaftern von SMUV/GBI, über erste Verhandlungen und Aktionen bis zu den acht Streiktagen (18. - 26. November 2003).

Verena Endtner hat den Arbeitskampf täglich mit ihrer Kamera begleitet und etwa 20 Stunden Bildmaterial gesammelt. Die Idee und das Konzept zum Film lieferte Thomas Göttin, damaliger Leiter der SMUV-Kommunikationsabteilung, der auch die Dreharbeiten und die Produktion begleitete.

Im 55-minütigen Film wird mit knappen Texten und Statements der Beteiligten die Chronologie der Ereignisse aufgezeigt. So erlebt noch einmal mit, wie die «ZylissianerInnen» langsam in die Rolle selbstbewusster AkteurInnen des Arbeitskampfes hineinwachsen. Wie sie nach anfänglicher Distanz ganz freundschaftlich mit der Kamera (und der Filmemacherin) umgingen. Der Bieler Gewerkschaftssekretär und Streikleiter Corrado Pardini hält in seinen Kommentaren immer wieder den Stand des Geschehens fest und interpretiert die Ereignisse. Er tritt aus der Geschichte heraus und erläutert die Beweggründe und Ziele einzelner Aktionen. So wird aus dem Zeitdokument über den Zyliss-Streik zugleich ein Schulungsfilm darüber, wie man einen Streik aufziehen und erfolgreich führen kann.

Der Zyliss-Film ist ein spannendes und unterhaltsames Lehrstück über Streikkultur in der Schweiz heute - ohne doktrinär zu sein. Er regt zur Diskussion und Reflexion an. Im Aufbau und in seiner Dichte ist er durchaus mit dem 1975 von Hans Stürm gedrehten Klassiker «Ein Streik ist keine Sonntagsschule» zu vergleichen.

«Der Streik wird salonfähig» kann als Videokassette oder DVD zum Preis von Fr. 35.- + Versandkosten bezogen werden bei:

Thomas Göttin oder Gewerkschaft SMUV, Kommunikationsabteilung, Postfach 272, 3000 Bern 15, mail(at)smuv.ch.

Ausschnitte des Videos können unter http://www.aloco.ch/filmproduktion.htmlhttp://www.aloco.ch/filmproduktion.html (Video) heruntergeladen werden.

 

Im Frühjahr 2009 haben Yvonne Sami und Eva Hardmeier die Geschichte des Streiks nachgezeichnet, mit einigen Ergänzungen über das Jahr 2003 hinaus:

 

Die Zyliss

 

Geschichte und Zweck der Zyliss

Die Zyliss wurde in den 50er Jahren von Karl Zyssert, einem Fahrradmechaniker gegründet. Er hatte damals die Idee unter dem Markennamen Zyliss eine Saft und Knoblauchpresse zu entwickeln und zu vertreiben. 1960 wurde die Firma Zyliss in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und seit 1985 gehört sie zur Diethelm Keller Gruppe.

Die Zyliss stellte mechanische und elektrische Gebrauchsgüter für den Bereich Küche und Haushalt her. Die bekanntesten und weltweit vertriebenen Küchenartikel die ursprünglich von der Zyliss stammen sind die Knoblauchpresse, die Salatschleuder und der Zwiebelhacker.

Im Jahr 2003 sollte der Produktionsstandort von Lyss nach China verlagert werden, was die Arbeitnehmer zu einem Streik veranlasste.

 

Der Streik

Im Oktober 2003 wurde den Angestellten der Zyliss verkündet, dass der Betrieb nach Fernost verlagert wird und somit bis Mitte 2005 80 Arbeitsplätze verloren gehen.

Einstimmig haben die Arbeitnehmer nach dieser Meldung einen Streikbeschluss gefasst. Dabei wurden sie von der Gewerkschaft Bau und Industrie (GBI), und der Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen (SMUV) unterstützt. Gemeinsam forderten diese ein Mitspracherecht sowie das Überdenken des Schliessungsentscheides.

Die Gewerkschaften reichten bei der Zyliss-Besitzerin Diethelm Keller Gruppe eine Petition mit 15000 Unterschriften gegen die Schliessung ein. Der Handelskonzern hatte zugesagt, die geplante Werkschliessung zu überprüfen.

Der Streik dauerte zwei Wochen und war der längste Arbeitskampf in der Schweizer Maschinenindustrie der Nachkriegszeit.

Der Streik hatte positive Folgen, er löste ernsthafte Verhandlungen zwischen Sozialpartnern, Investoren und der Politik aus.

Der Kanton fusionierte die Zyliss mit einer Firma namens Newco. Somit wurden vorläufig 60 der 80 Arbeitsplätze gesichert. Leider scheiterte aber dieses Nachfolgeprojekt für die Zyliss und es konnten nicht mehr alle Arbeitnehmer/innen beschäftigt werden.

 

Arbeitsplätze

In Frühling 2006 wurden die drei Schweizer Traditionsmarken Koenig, Turmix und Zyliss zu einer Markenbündelung durch die Diethelm Keller Brands AG (DKB Household AG) zusammengefasst. Durch diesen Zusammenschluss sollen die Innovationskraft der Marken gestärkt und das Wachstum im In- und Ausland angekurbelt werden.

In den früheren Produktionshallen der Zyliss sind nun verschiedene Firmen und eine Stiftung für Arbeitslose untergebracht.

 

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