"Fast Eddy" und die Folgen der Kita-Privatisierung
"Die Welt" beschreibt die dramatischen Folgen der Privatisierung der Kitas in Australien: wie Ferrari-Fahrer "Fast Eddy" das weltweit grösste private Kita-Imperium an die Wand fuhr, warum die Preise für private Kitas stiegen und die Qualität sank. Deshalb in Bern: Ja zur Kita-Initiative mit sicheren Plätzen für alle und Nein zum bürgerlichen Gegenvorschlag mit Gutscheinen ohne gar nichts.
Vom Aufstieg und Fall des australischen Kita-Königs
Nach dem Zusammenbruch des einst weltgrößten börsennotierten
Kindergarten-Imperiums ABC Learning diskutiert das Land über die
Konsequenzen
Sie nannten ihn "Fast Eddy", den schnellen Eddy - den Mann, der mit einer
Kindergartenkette zum Millionär aufstieg. Der Ferraris besaß, einen
Hubschrauber und mit seinem geschätzten Privatvermögen von umgerechnet mehr
als 130 Millionen Euro die Liste der reichsten Australier unter 40 anführte.
Das ist zwei Jahre her. Inzwischen werden Eddy Groves und sein
Krippenimperium ABC Learning in einem Atemzug genannt mit den
katastrophalsten Konzernpleiten des Landes.
Noch stützt eine millionenschwere Notsubvention der Regierung den einst
weltgrößten börsennotierten Hortbetreiber, von dessen Untergang im
vergangenen November in Australien mehr als 100 000 Kinder in 1020
Tagesstätten betroffen waren. Doch Ende März laufen die staatlichen
Finanzhilfen aus, und dann droht 241 ABC-Kitas das Aus: Sie gelten als
"unprofitabel" und stehen zum Verkauf.
Australien hat die Kinderbetreuung stärker dem Markt überlassen als andere
Länder. Doch nach dem Kollaps von ABC Learning wankt das Modell. Seit Wochen
streiten Eltern, Anleger und Experten: Darf man das Wohl von Kindern dem
riskanten Spiel der Börse aussetzen? Eine Senatsuntersuchung zur Lage sollte
ursprünglich in diesen Wochen abgeschlossen sein. Nun aber ist die Debatte
so heftig geworden, dass der Endbericht auf Juni vertagt wurde. Eine
Totalreform der Branche gilt mittlerweile als immer wahrscheinlicher.
Schon Anfang der 90er-Jahre hatten sozialdemokratische Politiker damit
angefangen, Staatsaufgaben an Privatfirmen zu delegieren. Das, so die
Hoffnung, würde größere Vielfalt und sinkende Preise schaffen.
Premierminister John Howard ebnete endgültig den Weg für den kometenhaften
Aufstieg des Eddy Groves: Seine liberale Regierung bezuschusste fortan nicht
mehr staatliche Kindertagesstätten, sondern nur noch pauschal die Eltern.
Von dieser neuen "Chancengleichheit" profitierten private Betreiber, die
nach Angaben der Dienstleistungsgewerkschaft ASU in Australien heute rund 70
Prozent aller Krippen unterhalten. Einige taten es der Kette ABC Learning
gleich, die 2001 an die Börse ging. Doch kein Gesetz hinderte den "schnellen
Eddy" an seinem aggressiven Wachstumskurs. Kritiker werfen ihm vor,
Konkurrenten rigoros aus dem Markt gedrängt oder aufgekauft zu haben. Auf
dem Höhepunkt der Expansion betrieb der Konzern mehr als 2200 Kitas in
Australien, Neuseeland, Großbritannien und den USA. Allein Australien aber
ließ ihn gefährlich mächtig werden: Dort verzeichnete ABC Learning einen
Marktanteil von mehr als 25 Prozent.
In der Folge kletterten die Preise für Kinderbetreuung zwischen 2001 und
2006 um 65 Prozent, während die Einkommen nur um 17 Prozent stiegen. In
Australien zahlen viele Eltern für einen Krippenplatz mehr als 100
australische Dollar (50 Euro) am Tag. Gleichzeitig sank die Qualität. Schon
2005 meldeten Forscher des Australia Institute erhebliche Qualitätsmängel in
"konzernisierten" Kindergärten. Demnach fehlte es in Horten wie ABC Learning
an gesundem Essen, Mitarbeiter bekamen bloß Mindestlöhne, und Zeit für
individuelle Betreuung war rar.
Ein Report des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (Unicef) setzt
Australiens Kinderbetreuungssystem an die drittletzte Stelle aller
Industrieländer. Die Kritik unter anderem: Es gibt keinen bezahlten
Mutterschaftsurlaub, und die Regierung unterstützt die Branche mit nicht
einmal einem Prozent des Bruttoinlandsproduktes. "Kinderbetreuung in
Australien ist nicht mehr Grundversorgung, sondern eine Industrie, die
Staatszuschüsse in die Taschen von Aktionären leitet", sagt Grünen-Senatorin
Sarah Hanson-Young. Das mache der Kollaps von ABC Learning deutlich.
Derart verästelt war die Firmenstruktur des Kita-Giganten, dass kaum jemand
durchblickte. Auf dem Papier erzielte der Konzern Millionenerlöse. Doch in
Wahrheit war das Imperium ein Kartenhaus, das Analysten zufolge seine Bilanz
schönte, indem es immaterielles Vermögen wie Marken und Lizenzen
überbewertete. "In den letzten vier Jahren hat ABC Learning praktisch kein
Geld verdient", sagt John Walker, Managing Director des Finanzdienstleisters
IMF Australia, der eine Sammelklage gegen den Konzern vorbereitet. Als die
Wirtschaftsprüfer wechselten, flog der Schwindel auf. 2008 kollabierte erst
der Börsenkurs, dann der Konzern. Seit November durchforsten
Insolvenzverwalter das Unternehmen mit seinem Schuldenberg von umgerechnet
1,4 Milliarden Euro. Inzwischen meldete auch die konkurrierende Gruppe CFK
Childcare Centres Konkurs an. Im Februar geriet Spielwarenhersteller
Funtastic, der ABC Learning exklusiv belieferte, in Finanznot.
Immer lauter wird der Ruf nach einer strikteren Branchenkontrolle. Blind
hätten die Verantwortlichen an die Kraft der freien Märkte geglaubt,
kritisiert Deborah Brennan, Professorin für Familienpolitik an der
University of New South Wales in Sydney: "Kinderbetreuung ist eben mehr als
eine bloße Ware." Bedarf für private Betreiber gebe es nach wie vor -
solange diese klein und unabhängig blieben, argumentiert Brennan. Die
Regierung arbeitet bereits an einem neuen Rechtsrahmen. Ein Novum, denn
national einheitliche Qualitätsstandards für den Sektor gab es bisher nicht.
"Fast Eddy", der Krippenkönig, ist schnell wieder von der Bildfläche
verschwunden. Letzten Meldungen zufolge heiratete er im Januar zum zweiten
Mal ? gewohnt luxuriös in einer Villa mit Springbrunnen und Golfplatz.
Artikel in "Die Welt"