Plädoyer für eine vielfältigere Lokalberichterstattung in Bern
Die Medienvielfalt in Bern liegt mir am Herzen - ich möchte nicht, dass in der Hauptstadt dieselbe triste Situation eintritt wie Basel. Aber ich möchte eine lebendigere, vielfältigere Lokalberichterstattung. Den folgenden Leserbrief habe ich an Bund und BZ geschickt. In der BZ ist er am 12.12.2008 erschienen. Im Bund ist er bisher nicht abgedruckt worden... (Nachtrag 18.12.: Im Bund vom 17.12. ist er erschienen, allerdings mit einer sehr bezeichnenden inhaltlichen Änderung...)
Der Traum der letzten Chance
Wie spannend hätte die Lokalberichterstattung von Bund und BZ sein können in den vergangenen zwei Jahren. Die beiden Berner Tageszeitungen hätten sich einen wahren Wettststreit der Meinungen und Kommentare, der frischen Reportagen, der guten Recherchen geliefert. Selbstverständlich hätten beide Regierung, Parlament und Parteien kritisiert. Aber von unterschiedlichen Standpunkten aus, mit überraschenden Blickwechseln und Parteinahmen. Sie hätten die grossen Themen kontrovers aufgegriffen: Beim Sozialmissbrauch hätten sie auch die Realität der EmpfängerInnen und die Interessen der politischen Akteure thematisiert. Der Preis für Lokaljournalismus hätte dem Schicksal von Menschen, nicht der Tierhaltung gegolten. Die Lokalredaktionen hätten engagiert das für und wider abgewogen beim Recht auf Krippenplätze, bei Verkehrsmassnahmen, Aussenbestuhlungen, Polizeieinsätzen. Ein Glasfasernetz für Bern gefordert oder Synergien von Gemeindefusionen dokumentiert. Leider nein. Die Marschrichtung der Chefredaktoren von Bund und BZ heisst „bürgerlich“. Es dominieren ähnliche Themen, ähnliche Sichtweisen, ähnliche Meinungen. Der lokaljournalistischen Neugier fehlt der Nährboden, dem Engagement der Saft. Vielleicht gibt es eine letzte Chance. Auf wirtschaftlicher Grundlage, mit besserer Entlöhnung der JournalistInnen und mit Themen, in welchen sich auch jene klare Mehrheit der Bevölkerung findet, welche soeben wieder RGM gewählt hat. Der Traum wäre möglich. Schliesslich sind erst in vier Jahren wieder Wahlen.
Thomas Göttin, Co-Präsident SP Stadt Bern
Nachtrag: Im Bund vom 17.12. ist der Leserbrief ebenfalls erschienen, allerdings unter einem bezeichnend geänderten Titel. Der Titel im Bund lautet:
"Bund" und BZ sind zu bürgerlich
In diesem Sinne habe ich mich im Leserbrief genau nicht geäussert. Ich schrieb: "Die Marschrichtung der Chefredaktoren von Bund und BZ heisst bürgerlich". Das lässt bewusst offen, wo die Zeitungen tatsächlich stehen. Mein Wunsch ist inhaltlicher Art, nach unterschiedlichen Meinungen, Standpunkten und Perspektiven. Der vom Bund gesetzte Titel reduziert dies auf eine simple Aussage (zu bürgerlich) und legt den Text damit in einer schwarz-weiss Schublade ab. Schade.