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"Meine Lehrzeit wird nie fertig"

Seit zwanzig Jahre leitet Zeliha Bölükbasi im Wylerhuus das Nähatelier für Migrantinnen, ein Schmelztiegel der Kulturen aus Ost und West.

Heute flicken Zeliha Bölükbasi und die Frauen des Nähateliers den Theatervorhang des Mehrzwecksaales im Wylerhuus. Zeliha zieht den Vorhang hervor und stöbert durch den wallenden Stoff: „Wir haben den ganzen Saum untendurch erneuert, und es hat viele kleine Löcher. Man findet sie schlecht in diesem grossen Vorhang, aber sie müssen trotzdem sauber geflickt werden.“

In diesem Moment läuft Andreas Rohrbach vorbei, der Leiter des Wylerhuus: „Die Geschichte dieses Vorhangs? Der Mehrzwecksaal ist auch ein Theater. Die Bühne ist im Stuhllager versenkt. Der Vorhang ist seit vielen Jahren in Gebrauch, wenn Aufführungen sind. ‚Laienvolkstheater‘ würde ich sagen. Die nächsten Aufführungen sind im November mit der Theatergruppe ‚unGschmunke‘ aus der Region Bern.“ Sagt’s und verschwindet mit einer frischen Druckpatrone unter dem Arm im Nebenraum.

Das Nähatelier als Fenster zur Welt

„Wir haben hier Frauen aus Afghanistan, Syrien, Irak, Kosovo, Argentinien, Kolumbien, Chile, Portugal oder früher auch Spanien, von Analphabetinnen bis zu Frauen mit Hochschulabschluss. Mit der Zeit ist mein Deutsch zu einer Art ‚Migrantendeutsch‘ geworden. Ich muss vieles mit unterschiedlichen Wörtern und Sprachen erklären. Korrigiere mich, wenn ich die Verben an die falsche Stelle setze. Wenn man erst mit 31 Jahren eine Fremdsprache lernt, ist es nie perfekt. Wenn ich den ehemaligen Bundesrat Pascal Couchepin auf Deutsch gehört habe, hat er auch immer Fehler gemacht. Es ist ja nicht seine Muttersprache. Aber schreib das nicht“. Ich schreib es trotzdem. Schliesslich sind wir alle in den allermeisten Sprachen nicht perfekt. 

Nähen und Austauschen

Zeliha ist eine selbstbewusste Frau. „In den Nähkursen sehe ich, wer gut nähen kann und Kommunikationsfähigkeiten hat, beides braucht es für das Nähatelier. Die Atmosphäre muss gut sein hier. Wir tauschen uns über viele Themen aus: die unterschiedlichen Kulturen, die Gewohnheiten hier in der Schweiz, Familien-, Kinder-, Hochzeitsprobleme. Oder Teenagerprobleme, die sind sehr wichtig hier. In fortschrittlichen oder sehr traditionellen Familien vor allem aus orientalischen Ländern geht man ganz unterschiedlich damit um. Meine erste Frage ist jeweils: ‚Wann hast du geheiratet?‘ Mit 13, 15, oder 20 Jahren – dann verstehe ich den Hintergrund dieser Frauen besser. Es braucht viel Zeit, erst in der zweiten oder dritten Generation wird es anders.“

Lehrzeit im Morgenland im Abendland

Sie selbst stammt aus dem Westen der Türkei, hat dort eine Schneiderlehre und eine vierjährige Ausbildung zur Lehrmeisterin gemacht. In der Schweiz wurde das Diplom nicht anerkennt, also hat sie noch eine Zusatzausbildung als Schnittzeichnerin an der Höheren Fachschule in St. Gallen absolviert. „In der Türkei hat man gesagt, als Lehrerin geht man ins Morgenland in die Lehre, weil die jungen Lehrmeisterinnen zuerst in den Osten der Türkei versetzt worden sind. Nun bin ich ins Abendland gezogen und stelle fest, dass meine Lehrzeit im Morgenland hier stattfindet und nie fertig wird,“ sagt sie mit einem herzhaften Lachen.

Unter den Kunden sind viele Private und Bernische Institutionen, Kitas, Spitäler, Heime, aber auch Kirchen und Parteien. So hat das Nähatelier 55 neue Kommunionskleider für die Dreifaltigkeitskirche und 100 rote Schürzen für den ersten Mai genäht, zudem immer wieder Kostüme für Guggenmusiken.

Respekt und Integration

Als Quartierarbeit versteht Zeliha ihre Arbeit nicht in erster Linie: „Es geht um eine Haltung: Respekt gegenüber den Menschen und gegenüber der professionellen Arbeit. Und eine besondere Leistung, eine ausgezeichnete Arbeit sollen auch entsprechend entlohnt werden.“ So habe sie beispielsweise beim Fest am 29. Juni, als das Nähatelier den Sozialpreis der Bürgi-Willert-Stiftung erhalten hat, jenen Frauen aus ihrem eigenen Portemonnaie einen Zustupf bezahlt, welche Baklava gebacken haben, ein besonders aufwändiges Gebäck. Hat sie dieser Preis gefreut? „Sehr. Es war eine Auszeichnung für 20 Jahre Integrationsarbeit. Und es freut mich vor allem weil man meist nicht sieht, wie viel Energie und Engagement auch ausserhalb der Arbeitszeit geleistet wird, nicht nur von mir, sondern von vielen Frauen.“ Und gut vorbereitet zieht sie eine Kopie ihrer Dankesrede aus den Unterlagen. „Die Teilnehmerinnen an der Feier haben mich hochgenommen, weil ich Emotionen in die Rede gelegt habe. Aber das war mir wichtig.“

Ein Zitat aus dieser Rede von Zeliha Bölükbasi: „Unsere Verschiedenheiten haben wir respektiert und toleriert. Unsere Gemeinsamkeiten haben wir gestärkt. Manche Frauen haben Freundschaften geschlossen. Ich habe immer versucht, Hoffnung zu machen, Mut zu geben, damit die Migrantinnen die entscheidenden Schritte selbst gehen. Meistens sind die Frauen aktiver und selbstbewusster geworden."

„Zeit zum Nachdenken gegeben“

Sich selbst bezeichnet Zeliha als sozialen und kämpferischen Menschen. Während 6 Jahren hatte sie neben dem Nähatelier auch für die Tagesstruktur von Asylbewerbern bei der Migros Klubschule gearbeitet, bis dieses Angebot vom ehemaligen Bundesrat Blocher auf die Hälfte zusammengestrichen wurde. „25 Kursleiterinnen sind auf einmal arbeitslos geworden. Und gleichzeitig bekam ich auch beim Nähatelier die Kündigung, weil die Zukunft unsicher war. Das war eine schwierige und belastende Zeit. Aber ich habe den Dingen in die Augen gesehen und bin hartnäckig. Ich habe dann zusammen mit den andern Frauen sechs Monate gratis gearbeitet. Man könnte sagen es war ein kleiner Protest, aber besser gesagt haben wir der VBGs Zeit zum Nachdenken gegeben, jedenfalls haben sie dann die Verträge wieder erneuert. Alle Frauen haben mitgemacht, viele aus dem Morgenland, das hat mich sehr gefreut. Es hat die Welt nicht gerettet, aber wir haben Haltung bewiesen.“