Betrachtungen im Burgernziel-Kreisel
Meine Rede anlässlich der Ausstellung von den 121 Fotos, die Lukas Lehmann für das Quavier als Titelbild erstellt hat und die nach der Vernissage vom 15. März 2026 in den Hauseingängen der Genossenschaft wbg8 am Burgernziel austellt sind.
Ich freue mich sehr über diese Vernissage: wegen den Bildern von 30 Jahren, für den Fotografen Lukas Lehmann, und über den Ort hier in der neuen Genossenschaft wbg8 am Burgernziel. Mein Name ist Thomas Göttin, ich bin ziemlich genau mit dem ersten Bild ins Quartier gezogen, und heute Präsident der Wohnbaugenossenschaft acht.
Diese Vernissage findet an einer Schnittstelle von drei Achsen statt, oder wenn man so will im Burgernziel-Kreisel, wo sich auf einer Achse 121 Fotos mit einem Fotografen verbinden, auf einer weiteren Achse ganz viel Quartiergeschichte und -entwicklung verläuft und sich kreuzt mit der Geschichte und Zukunft der Partizipation in der Schweiz. Dazu sage ich gerne etwas, ohne dass ich Angst haben muss wie 100 Meter weiter vorne beim Burgernziel Kreisel, gleich überfahren zu werden.
Die Fotos
Die Ausstellung umfasst 121 Fotos über einen Zeitraum von 30 Jahren seit dem November 1995. Das ist einmalig. Die meisten von uns haben wohl persönliche highlights unter den Fotos. Mir gefallen die völlig unerwarteten Fotos. Bei Nr. 43 ein Kiesboden mit einem Blüemli zum Thema Pläne oder bei Nr. 80 die Ostring-Autobahn durchs Quartier unter dem Stichwort Alles im grünen Bereich. Dann gibt es auch Kühe, ein Leguan und ein Chamäleon. Vergrössert bekommen die Bilder nochmals eine andere Qualität, schaut sie euch an in den Treppenhäusern. Sie ist sorgfältig aufgehängt, in jedem Treppenhaus hat es eine Einführung. Das QuaVier besteht aber nicht nur aus Titelfotos. Es ist auch sonst eine tolle Zeitschrift. Für Journal B lese ich seit vielen Jahren alle Quartierzeitungen der Stadt, weil Journal B immer wieder mit den Quartier-Zeitungen zusammen arbeitet und Texte übernimmt. Darum sage ich mit Überzeugung: Keine hat die Kontinuität und gleichbleibende Qualität wie das QuaVier.
Der Fotograf
Alle Fotos stammen vom selben Fotografen, Lukas Lehmann, Lüggu, wie er sich nennt, wie wir ihn kennen. Auch das einmalig. Sein Lebenslauf ist typisch Lüggu: Wanderjahre in ganz vielen Ländern und ganz unterschiedlichen Berufen, aber immer auch und dann bei Keystone fix Fotograf. Wir hatten vor dieser Ausstellung während drei Jahren seine tollen Baustellen-Reportage-Bilder über das Burgernziel in den Hauseingängen, und derzeit im Untergeschoss die Ausstellung zum aktuellen Projekt «Mein Bild des Jahres» von etwa 80 Fotografinnen und Fotografen, an dem er auch beteiligt ist. Unsere Genossenschaft ist dank ihm so etwas wie ein heimlicher Foto-Ausstellungs-Quartier-hotspot geworden. Merci Lüggu und herzliche Gratulation!
Mitwirkung im Stadtteil IV – und in der Schweiz
Quartierzeitungen sind auch eine Voraussetzung für Mitwirkung, denn es braucht zuerst einmal Informationen. Unser Stadtteil, was ja die korrektere Bezeichnung wäre, war mit dabei, als in der Schweiz die moderne Form von Mitwirkung entstand. Die Familie Schärrer hat das schon in den 1970er Jahren am Küchentisch diskutiert, wie mir Sabine Schärrer einmal erzählt hat. Georg Schärrer war einer der ersten Sekretäre der Quartierorganisation. Diese gibt es seit 1976, also bereits ein halbes Jahrhundert. Das Quartier hat sogar einen Partizipationspreis, den Emma-Graf Preis, der alle zwei Jahre verliehen wird. Mitwirkung wurde erstmals mit dem eidgenössischen Raumplanungsgesetz von 1979 offiziell verankert, eben nicht als Abstimmungsprozedere, sondern als breite Beteiligung der Bevölkerung in einem Prozess. Die Stadt erstellte 1986 erste Richtlinien.
Das «Berner Modell», nämlich der geregelte Austausch der Stadt mit den Quartierorganisationen, bedeutete für die Schweiz damals Neuland. «Scharnierfunktion» nannte der frühere Quavier-Präsident Niklaus Zürcher diese Aufgabe. Seit 2004 besteht ein Reglement. Ich habe die harten Kämpfe im Stadtrat selbst miterlebt, bis das Reglement stand. Vor allem bei den Bürgerlichen war ein grosses Misstrauen festzustellen, die Mitwirkung könnte zu weit gehen, über die «Scharnierfunktion» hinaus und den Stadtrat konkurrenzieren. Seither wurde dieses Reglement auch deshalb nie grundlegend überarbeitet. Andere Städte in der Schweiz sind mittlerweile weiter.
Reform als Chance
Ich denke darum, dass die laufende Reform der Quartierorganisationen eine grosse Chance ist. Die Bevölkerung hat sich massiv gewandelt seit den 1970er Jahren, ebenso das Verständnis für Mitwirkung. Ich glaube es stimmt, wie es im Reformauftrag steht: «In den Quartierorganisationen wird die Bevölkerung zum Teil bei weitem nicht repräsentativ abgebildet.».
Diese Ausstellung steht also auch einer Weggabelung in der Entwicklung der Quartierorganisationen. Das neue Layout der Quartierzeitung ist ein Schritt, es ist frisch und doch vertraut. Besonders gefreut habe ich mich darüber, dass die Fahne auf der Dachterrasse der wbg8 als Farbtupfer auf dem Burgernzielblock darin wahrgenommen wird. Genau so ist sie gedacht. Auch ein Schritt ist die Einführung von beunity als eine spannende Weiterentwicklung für den Stadtteil. Wir in der Genossenschaft nutzen beUnity ebenfalls und machen gute Erfahrungen. Ich bin gespannt wie weit die Bereitschaft für neue Ideen im Quartier geht. Vielleicht geht ja der nächste Partizipationspreis im Quartier an eine innovative Weiterentwicklung der Mitwirkung durch die Quartierorganisation. Neue Partizipations-Instrumente gäbe es einige:
• Partizipative Budgets wie in Lausanne, teilweise Luzern und Zürich
• Bevölkerungsräte wie in Uster, Thalwil, Winterthur oder Sitten,
• Oder die Zusammenlegung der Partizipation von Ausländer:innen und allgemeine Mitwirkung wie in Biel geplant für 2027
Quartierentwicklung: wann wird es endlich Grün?
Zentral und inhaltlich verwandt ist die Stärkung der Zentrumsfunktion in den Quartieren. Sie dient der sozialen Vernetzung und Lebensqualität. Das betrifft ganz speziell unseren Stadtteil. Damit bin ich bei der letzten Achse: Quartiergeschichte und Entwicklung, und hier stehen wir seit Jahren vor einem Rotlicht und warten auf Grün.
Das Burgernziel, früher Ausflugsort, dann Tramdepot, Zwischennutzung Punto – entwickelt sich zu einem neuen Quartier- ja Stadtteilzentrum. Dazu gehört die Überbauung mit über 100 Wohnungen, Gemeinschaftsräumen, Restaurant, Läden, Schulen, Kita. Aber rund um den Kreisel läuft mehr: Gestern eröffnete gleich über die Strasse eine Brockenstube, auf der andern Seite des Kreisels gibt es eine Weinhandlung, freitags einen Gemüsemarkt und bald Madame Repair mit ihrem Atelier. Nochmals eine Drehung weiter im Kreisel ist der Wirkungsort des Vereins am See mit Kulturprogramm und offenen Räumen. Aber es fehlt dazwischen am öffentlichen Raum, an der Aufenthaltsqualität, wie sie im Breitsch oder an der Länggasse mit der Mittelstrasse besteht. Wenn wir in einigen Jahren die nächste Fotoausstellung eröffnen, dann steht hoffentlich die Baumallee vor der Überbauung Burgernziel, der Verkehr fliesst dank Tempo 30 ruhiger, die Velostreifen verlaufen auf der Strasse wo sie hingehören, und im Burgernziel Kreisel braucht niemand mehr Angst zu haben. Lüggu, der jetzt 30 Jahre die Quartierentwicklulng dokumentiert hat, der eine wunderbare Baustellen-Reportage vom Burgernziel gemacht hat, wird diesen Wandel im Quartier hoffentlich weiter begleiten mit seinen Fotos. Und diese werden die nächste Ausstellung bilden. Jetzt aber ist diese Ausstellung eröffnet.
Thomas Göttin, 15.3.2026