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Passagen und ein aussergewöhnlicher Konzertflügel

Am 16. September 2025 moderierte ich im Bernapark in Deisswil eine aussergewöhnliche Veranstaltung im Rahmen der Ausstellung von Raoul Ris unter dem Titel «Passagen». Ein Klavierkonzert und ein Hörstück ergaben einen Abend von grosser Intensität. Diese lässt sich naturgemäss nicht abbilden, meine Moderation gibt höchstens eine Ahnung davon…
 

Liebe Gäste
Mit dem Thema «Passagen» hat der Maler Raoul Ris einen Lebensnerv unserer Zeit getroffen. Die politischen Umwälzungen geben vielen Menschen ein Gefühl des Übergangs: Eine bekannte Welt scheint zusammen zu brechen, eine neue zu entstehen. Für eine verunsicherte Mehrheit bedeutet dies eine bedrohliche Entwicklung, von einer lautstarken Minderheit ist sie herbeigesehnt. 
Passagen sind Übergänge und Fluchtrouten, heute und zu allen Zeiten. Während der Nazizeit führte eine Fluchtroute über die Pyrenäen von Frankreich nach Spanien. In Portbou auf der spanischen Seite hat sich 1940 Walter Benjamin umgebracht, der Autor des 1000 seitigen Passagen-Werks. Davon später mehr.
Allerdings: Woher ein Weg kommt, und wohin er führt, ist in einer Passage nicht zu sehen. Wir ahnen es vielleicht, und füllen unsere Ahnung mit eigenen Bildern und Vorstellungen der Welt. Hierzu gibt es heute Abend nicht nur die Bilder selbst, sondern Angebote mit Text und Musik.
Eine Ausstellung von Raoul Ris ist schwer vorstellbar ohne einen Abend mit Musik und Texten zum Thema seiner Bilder. Diese Abende entstehen meist in einer oder mehreren sonntäglichen Runden bei Raoul zuhause an der Postgasse. 
Eine solche Runde hat auch den heutigen Abend vorbereitet. Er beginnt mit einem aussergewöhnlichen Konzert. Iris Ritter Gerber ist Konzertpianistin und häufig im Ausland unterwegs, vor allem in Wien. Sie wohnt seit 20 Jahren in der Postgasse wenige Häuser neben Raoul. Doch erst kürzlich haben sie sich kennen gelernt und ist sie Teil der sonntäglichen Runde. 
 

Der Quattrochord


Iris Ritter Gerber spielt drei Stücke – und das auf einem aussergewöhnlichen Flügel. Es ist ein Quattrochord, ein Flügel mit vier Saiten pro Taste, von denen es genau drei auf der Welt gibt. Es sind die grössten und schwersten Flügel, die jemals gebaut wurden, und zwar 1939-43 während der Nazizeit durch die Pianofabrik August Förster im Osten Deutschlands. Sie sollten die amerikanischen Steinway Flügel übertreffen. Man hätte sie sich in der geplanten gigantomanischen Grossen Halle mit 180'000 Plätzen von Hitlers Welthauptstadt Gemania vorstellen können. Ein Flügel ist heute noch in Berlin, einer in Zürich, und einer gilt als verschollen: Dieser Flügel ist hier und Iris Ritter Gerber wird ihn spielen mit Musik, die sich dem Faschismus entzieht und widersetzt.
 

Die Klavierstücke


Fügt diese Musik dem Thema der Passagen eine weitere Erzählung hinzu, oder verweigert sie sich der Erzählung in ihrer zeitgenössisch modernen Klangsprache? Ihr entscheidet: weil das Gehör nicht in Sprache gebunden bleibt, erschliesst sich den Hörenden umso mehr das innere An- und Mitklingen. Ein paar Worte zu den drei folgenden Werken:
John Corigliano zelebriert in Fantasie on an Ostinato die Unzerstörbarkeit von Mensch und Geist. Beethovens Thema aus dem 2. Satz der 7. Sinfonie schimmert durch, das unvariiert über fast 5 Minuten dauert. Corigliano fantasiert in doppelter Weise: in der Partitur und mit der Spielenden, die über Proportionen, Wiederholungen von Patterns, Riffs oder Loops selbst entscheidet.

Im Tango der tschechische Komponistin Ivana Loudova ist nichts von Melancholie und Leidenschaft, den Grundmustern eines Tangos. Statt Tanzschuhe sind es schwere Stiefel. Versuche, in einen zarten Tango einzumünden, werden abgewürgt.
Giacinto Scelsi gab über sich und seine Musik fast nichts preis. Seine Tre Illustrazioni, seine Musik überhaupt geht von einem Ton aus, umkreist ihn, zieht Ringe, als wäre ein Stein ins Wasser geworfen worden. Oder umgekehrt: ein Bild der Konzentration um den Kern.

Anschliessend folgte das Hörstück von Raoul Ris, in welchem die Passage von Walter Benjamin über die Pyrenäen und die Brücke zu den Flüchtenden in der heutigen Zeit wieder aufgenommen wird. 
 

Willkommen zurück.
1940 besetzten die Nazis Paris. Der Philosoph Walter Benjamin flüchtete aus Paris nach Südfrankreich. Mit der Hilfe von Lisa Fittko, einer jüdischen Fluchthelferin, überquerte er die Pyrenäen auf einer bekannten Fluchtroute nach Portbou auf der spanischen Seite. Mit dabei hatte er eine Mappe, in der sich, wie man heute annimmt, sein letztes Manuskript befand mit dem Titel «Über den Begriff der Geschichte». In einem Hotel in Portbou hat er sich im September1940 umgebracht. Zwischen Frankreich und Spanien erstrecken sich die Ausläufer der Pyrenäen bis ans Meer, durchbohrt vom Tunnel für die Bahn. 
 

Fluchtwelten


Raoul ist dem Fluchtweg Benjamins gefolgt und hat sich eine andere, hoffungsvollere Fortsetzung dieser Flucht ausgemalt. Walter Benjamin bringt sich nicht um, sondern trifft in der heutigen Welt Antonio Ruiz, den Maler. Beides sind Flüchtende vor dem Faschismus ihrer Zeit. Antonio Ruiz taucht immer mal wieder bei den Ausstellungen von Raoul auf, man weiss nicht wer ist Maler, wer Galerist, oder sind beide dieselbe Person. 
Walter Benjamin und Antonio Ruiz treffen sich ausserhalb ihrer eigenen Zeit. Zum Schluss rezitiert Walter Benjamin ein berühmtes Gedicht von Bertold Brecht, mit dem er befreundet war und den er noch 1939 in Dänemark besuchte, die «Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration». Ein Gedicht, das in dunkler Zeit der Emigration vielen Menschen bis über das Ende des Naziregimes hinaus Hoffnung gegeben hat.
Wir befinden uns also in einer Bar am Meeresstrand in Portbou. Das Hörstück ist von Raoul Ris, Regie führt Stephan Mathys, Gabriele Rabe ist Walter Benjamin, Robert Schmid ist Antonio Ruiz. Iris Gerber Ritter begleitet auf dem Klavier mit Arnold Schönberg, dem Komponisten, der 1933 in die USA emigrierte und mit dem Walter Benjamin ebenfalls hätte befreundet sein können…

Thomas Göttin 16.9.2025