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Tradition und Macht

Für die Vernissage der Fotoausstellung «Mein Bild des Jahres 2025» am 25. Januar 2026 in der Genossenschaft am Burgernziel hielt ich die offenbar bereits traditionelle Neujahrsansprache.

Bei der ersten Ausstellung vor zwei Jahren hat Lukas Lehmann, ohne mich zu fragen geschrieben, es gäbe eine «Botschaft unseres Präsidenten».


Damals habe ich die Hände verworfen: Präsidenten haben nicht den besten Ruf, und Botschaften sind schwierig. Beliebt sind Botschaften, wenn nett und kurz, also schön dass ihr hier seid, wenn sie grantig, grimmig, ungnädig sind, wozu es viele Gründe gäbe, riskiere ich als Überbringer den Kopf.


Und dieses Jahr heisst es schon die «traditionelle Neujahrsbotschaft des Präsidenten», du meine Güte!


Wie schnell geht es doch bis etwas eine Tradition ist, man kommt sich vor, als sei man bereits eine Karikatur von sich selbst.


Tradition hat einen viel zu guten Ruf – so mit Schwingerhemden und in Richtung von das hat noch Moral, Ehre, und nachher ist alles Verfall. 


Tradition hat jedoch viel mit Macht zu tun: Wie die Geschichte des Gemüsehändlers von Vaclav Havel, der immer im Schaufenster ein Schild aufhängt: Arbeiter aller Länder vereinigt euch. Er glaubt nicht daran, aber erst wenn die Leute die Schilder abhängen, nicht mehr einfach mitschwimmen, endet das «Leben in der Lüge» wie Havel sagt. Ich wollte ja nicht über Weltpolitik reden, aber diese Geschichte erzählte der kanadische Premierminister Mark Carney in seiner Rede am Weltwirtschaftsforum in Davos. Es sei Zeit, dass Länder und Unternehmen ihre Schilder abnehmen, sagte er: «Wir wussten, dass die Geschichte der regelbasierten Ordnung teils eine Illusion war. Die Mächtigen hielten sich nicht daran, wenn es ihnen nicht passte. Handelsregeln wurden ungleich durchgesetzt. Das Völkerrecht je nach Täter oder Opfer mit unterschiedlicher Strenge angemahnt. Also hängten wir das Schild ins Fenster, nahmen an den Ritualen teil und vermieden es, die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu benennen.»

Dass man wichtige Werte mit neuen Herausforderungen verknüpfen kann, ist eine hohe Kunst. Das schaffe ich nicht, also muss ich einmal mehr eingestehen, ich kann sie nicht bieten, diese traditionelle Neujahrsbotschaft.


Aber begrüssen, das mach ich gerne. Nochmals: Schön seid ihr hier.


Ich würde auch nie behaupten, diese Foto-Ausstellung sei eine Tradition, viel eher jedes Jahr von neuem ein Abenteuer. Es beruht darauf, dass sich viele Fotograf:innen Ende Jahr gegenseitig ihr Foto des Jahres zusenden. Lukas Lehmann macht mit und stellt seine Sammlung hier aus.


De Postkarten sind mit Schneckenpost verschickt worden, nicht aus Tradition, sondern eher aus Protest und Widerborstigkeit, würde ich vermuten. Fotograf:innen sind ein bisschen widerborstig, jedenfalls derjenige, den ich kenne.


Die Fotos dieses Jahr sind viel weniger düster als in der Vergangenheit, was ja nicht die Weltlage, aber vielleicht eurem Umgang mit der Weltlage spiegelt. Und vielleicht wird ja unser Umgang mit der Weltlage, grad weil sie so düster ist, etwas weniger traditionell – mehr Schilder an Demos als im Schaufenster. 
Mir gefällt auch der Ausstellungsort der Bilder im Untergeschoss. Ich sehe sie immer ich auf dem Weg zum Velo. Ein grosses Merci an Lukas und an die Fotograf:innen. Ich werde die Fotos schon am Tag vermissen, an dem sie abgehängt sind, fast wie eine Tradition, die einem lieb geworden ist.
 

Thomas Göttin, 25.1.2026