Über Passagen
Werte Gäste
Das erste Bild und der Titel der Ausstellung – Passagen - haben mich fast umgehauen: So treffend haben selten ein Bild und ein einziges Wort den Lebensnerv und die Befindlichkeit unserer Epoche erfasst.
Raoul Ris arbeitet als Maler wie ein Seismograf: Er zeichnet feinste Schwingungen auf, er nimmt kaum sichtbare Emotionen, Ängste und Freuden wahr und übersetzt sie in Bilder. Meine Aufgabe hier ist die des Interpreten: ich versuche, mir auf die Bilder und den Begriff Passagen einen aktuellen Reim zu machen.
Wir alle verbinden mit einer Passage innere Bilder: einen schmalen Durchgang, einen Weg der sich verengt oder einen schwierigen Übergang. Ich verbringe Stunden an einer engen Stelle der Aare zwischen Fähribeizli und Muribad – da lässt sich beobachten: Das Wasser drängt sich vor der engen Passage in tanzenden Wellen zusammen wie eine aufgeregte Menschenmenge, um dann unaufhaltsam und immer schneller durch die Enge zu strömen, bevor es danach wieder ruhiger und breiter fliesst, ja sogar Gegenströmungen ausbildet.
Angesichts der düsteren Weltlage liegt es nahe, unsere Zeit wahrzunehmen als Epoche, in der wir in einer unheimlichen und dramatischen Passage stecken, als seien wir mit rasender Geschwindigkeit schnurstracks in einen dunklen Tunnel gestürzt. Ein kalter Luftzug ist spürbar und kein Ausgang in Sicht.
Walter Benjamin
Der Philosoph Walter Benjamin ist mit dem Wesen der Passage nicht klar gekommen, meine ich. Sein Ausgangspunkt sind die Passages, die «glasgedeckten, marmorgetäfelten Gänge durch ganze Häusermassen» im Paris des 19. Jahrhunderts. Doch sein tausendseitiges Passagenwerk blieb unvollendet, ohne Ausgang und Ziel. In einem seiner letzten Texte von 1940 kurz vor seinem Tod beschrieb er - auch anhand eines Bildes, eines Engels von Paul Klee, den Klee 1920 gemalt und den er 1921 gekauft hatte – sein tragisches Geschichtsverständnis: Der Engel «hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft». Der Engel möchte das Zerschlagene zusammenfügen, aber ein Sturm in seinem Rücken treibt ihn in die Zukunft. «Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.»
Auf der Flucht vor den Nazis hat sich Walter Benjamin 1940 an der spanisch-französischen Grenze umgebracht. In meiner eigenen Erinnerung besteht die Grenze aus einem Bergrücken, der bis ins Meer reicht, durchbohrt von einem Bahntunnel. Und auf spanischer Seite befindet sich der graue, überdimensionierte Bahnhof von Portbou. Raoul ist dem Fluchtweg Benjamins über die Grenze gefolgt. Er hat sich eine andere, hoffungsvollere Fortsetzung dieser Flucht ausgemalt. Sein Text ist im Katalog nachzulesen: Walter Benjamin bringt sich nicht um, sondern trifft in der heutigen Welt den Maler Antonio Ruiz. Beides sind Flüchtende vor dem Faschismus ihrer Zeit. Bilder der Passagen sind denn auch Bilder der Flucht in unserer heutigen Zeit.
Raoul hat mich schon engagiert, um ihm bei der Grundierung seiner Leinwände zu helfen. Zuerst tackert man den Stoff auf den Holzrahmen, dann malt man die ganze Leinwand mit einem hellen Grün voll. Aber zwischendurch braucht er mich auch zur Aufhellung seiner Gemütslage. Das mache ich heute gerne, mit einer anderen Sichtweise, auch wenn ich mir selber nicht traue. Und weil man dieser Tage nie weiss, ob nicht wieder etwas geschieht, dass all unsere Annahmen auf den Kopf stellt, habe ich den Text erst heute ausgedruckt. Tatsächlich ist derzeit vieles schwierig auszuhalten. Ich hüte mich jedoch vor zu vielen Nachrichten-Häppli. Sie machen süchtig. Gemalte Bilder sind ein hilfreiches Gegenmittel. Oder Gedichte, oder Musik, oder eine Vernissage.
Passagenzeit
Als Anschauungsbeispiel für eine Passage kann die Französische Revolution dienen. Lange betrachtete man sie wie einen Lichtschalter: Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789 und zack, eine neue Zeit, endlich Licht an, oder Licht aus je nach politischer Haltung. Dabei waren die Forderungen längst vorhanden. Auch in Bern, als naheliegendes Beispiel: Die Anliegen eines Samuel Henzi, für die er 1749 auf dem Galgenfeld von den gnädigen Herren geköpft wurde, waren diejenigen der französischen Revolution. Umgekehrt hielten sich viele alte Zöpfe aus dem Ancien Regime noch bis zum Bürgerkrieg von 1847. Erst die Bundesverfassung von 1848 brachte eine Konsolidierung der Errungenschaften aus der Revolution. Zwischen dem Memorial von Henzi mit dem Titel «Projekt, der Regierung eine andere Forum zu geben», und der Bundesverfassung liegen genau hundert Jahre. So lässt sich die Französische Revolution als eine Passagenzeit von je ungefähr fünfzig Jahren vor- und nach dem tatsächlich rasanten Wandel an der engsten Stelle beim Sturm auf die Bastille auffassen.
Vielleicht befinden wir uns heute also gar nicht an der engsten Stelle der Passage, wir stecken nicht im Tunnel, sondern weit davor mitten in den Wirbeln einer verwirrenden Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Denn es gibt mächtige Gegenströmungen, die dem scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg von autoritären, rechtsradikalen, faschistischen Regimes entgegenwirken.
Gleichberechtigung, Menschenrechte und Demokratie gehören dazu.
Gegen autoritäre Strömungen
Die Gleichberechtigung ist eine Jahrhundert-Entwicklung. Sie ist noch längst nicht dort, wo sie sein sollte, aber nicht mehr rückgängig zu machen. Sie wird die Welt grundlegend verbessern, keineswegs weil Frauen bessere Menschen wären, sondern allein, weil geteilte Macht eine friedlichere Gesellschaft hervorbringt.
Universelle Menschenrechte gibt es seit 80 Jahren. Internationale Strafgerichte, welche besonders schwere Verletzungen der Menschenrechte verfolgen, bestehen gar erst seit 20 Jahren. Diese Rechte und Institutionen sind noch schwach, aber schon 1954 sagte der damalige UNO-Generalsekretär Dag Hammarskjöld auch: «Die Vereinten Nationen wurden nicht gegründet, um uns in den Himmel zu führen, sondern um uns vor der Hölle zu retten.». Ihre Bedeutung wächst und die Bedeutung von Religion und Nationalstaaten mit ihren exklusiven, autoritären Ansprüchen sinkt.
Demokratie, ein Konzept das es vor kurzer Zeit noch gar nicht gab, wird ebenfalls nicht verschwinden. In Nigeria, Südafrika, Südkorea, Bangladesh, Brasilien, Mexiko gab es zuletzt friedliche Machtwechsel, gestürzte Diktator:innen und verhinderte Staatsstreiche. Echte Demokratien entfesseln keine Kriege und lassen keine Hungersnöte zu.
Widerstand und Ohnmacht
Die Geschichte der Gleichberechtigung, Menschenrechte und der Demokratie ist noch lange nicht fertig geschrieben. Wir werden sie mehr denn je benötigen um die Folgen von Ungleichheit, aber auch von Klimaerwärmung, Artenverlust, und der Ausbreitung der Wüsten auf der ganzen Welt zu bewältigen. An der engsten Stelle, oder wir könnten konkreter sagen: wenn es am heissesten ist, wenn es unausweichlich ist zu handeln, dann kann es tatsächlich schnell gehen. Allerdings erfolgt der Wandel zum besseren nicht von selbst. Man könnte die autoritären Regimes als waffenstarrende Besitzstandwahrung von Ungleichheit und Privilegien betrachten. Die Auseinandersetzungen sind heute schon heftig, sie werden an Brutalität noch zunehmen. Ohne Diskussion und Vorstellungen für eine bessere Welt wird es nicht gehen, und dies alles ist nicht erhältlich ohne dauerndes Engagement, ohne Vernetzung, Widerstand und Druck von unten. Dabei sollten wir uns nicht auf einen utopischen «Endzustand» verlassen, der nie eintritt. Das wäre ja, wie wenn das Wasser nach einer Stromschnelle plötzlich still stehen würde. Wir schlängeln uns täglich durch, mit und gegen Strömungen.
Engagement, Vernetzung und Widerstand geben uns auch das Gefühl der Selbstwirksamkeit. Natürlich verbirgt sich dahinter eine schleichende Ahnung der Ohnmacht, wie Caroline Amlinger und Oliver Nachtwey in ihrem Buch «Gekränkte Freiheit» schreiben. Dieses Dilemma ist schwierig auszuhalten und es lässt sich nicht auflösen, das wäre wieder so ein Endzustand. Die einen können besser damit umgehen, die andern weniger. Durchschlängeln gilt auch für uns als einzelne Menschen. Das macht uns nahbar.
Niemand bezweifelt, dass das Böse im Menschen existiert, dass es schreckliche Narzissten gibt, die ihre Haartolle blond färben oder mit nacktem Oberkörper Bären reiten. Viele Mächtige mögen egoistisch oder gar narzisstisch geprägt sein. Diese glauben dann, alle Menschen seien wie sie und handeln entsprechend, mit Zwang und Kontrolle. Das ist grad gäbig, denn es schützt ihre Privilegien.
Aber weshalb sollte es nicht auch das Gegenteil geben, das uneigennützige und selbstlose Denken und Handeln für andere unabhängig vom eigenen Vorteil.
Energie und Fürsorge
Man findet es bei ganz normalen Menschen. Der Glauben an die gemeinsame Zukunft einer Gesellschaft verbindet sie, verbindet uns. «Wenn ich an eine Sache glaube, dann an die Kraft der Menschen, füreinander zu sorgen», sagt ein LGBT Aktivist, der mitten im Kampfgetümel um Trumps anti-queeren Feldzug steht. Er hat erfahren, wie sich die Nachbar:innen zusammen taten, als im Frühjahr in Los Angeles die Wälder brannten. Unsere Geschichte ist übervoll an Beispielen. Ein Teilnehmer bei der grossen Zugsblockade in Lausanne im Juni gegen den Krieg Israels im Gaza erlebte eine «wunderbare Überraschung», als er das Ausmass der Demo sah. «Eine unglaubliche Energie war spürbar, etwas hat sich in den Köpfen der Menschen verändert. Es war, als ob die Untätigkeit der Schweiz die Entschlossenheit der Protestierenden gestärkt hätte.»
Oder ein bezaubernder Abend Ende Mai in der Postgasse. Raoul und mir gegenüber sitzt eine junge Frau am Compi. Raoul möchte sie fotografieren, um ein Bild zu malen. Sie lehnt ab. Etwas später kommt sie zu uns hinüber und sagt - völlig uneigennützig -, sie habe es sich überlegt und möchte ihm nicht vor der künstlerischen Arbeit stehen.
Die Passagen sind eben nicht nur die marmorgetäferten Gänge in Paris, die Revolutionen und gesellschaftlichen Umwälzungen, sondern auch die zarten, farbigen Verbindungen unter Menschen, die Raoul immer wieder in seinen Bildern einfängt. Passagen sind Zwischenräume, Flucht-Räume, auch für Menschen ohne Rechte. Eine junge Frau des Berner Sans-Papier Kollektivs schreibt. «Man sagt, ich sei illegal, nicht wahr? Ich bin frei: in meiner Haut und meinem Geist bin ich überall legal. Aber wir können uns gegenseitig helfen, indem wir uns zusammenschliessen und uns Kraft geben».
Das Böse mag im Einzelfall stärker sein, doch die überwiegende Mehrheit der Menschen lebt das Gute. Aus der Gemeinsamkeit wächst Energie. Dieser Gedanke hellt zumindest mein Gemüt auf, wenn ich das nächste Mal am Ufer der Aare stehe, oder wie heute Mittag reinspringe, zusammen mit vielen andern, und das kühle Wasser auf der Haut spüre.
Thomas Göttin, 18.8.2025