Bern 2040 neu betrachtet
Für die Berner Zeitung verfasst ich 2012 eine Kritik an vier Zukunftsszenarien für Bern 2040. Erschienen ist der Text hier, aber hier ist er aus Anlass der Halbzeit zwischen 2012 und 2040 zu lesen. Die Szenarien stammen von Jürg Steiner und Stefan von Bergen aus einer BZ-Serie und überarbeitet aus dem Buch “Wieviel Bern braucht die Schweiz” von 2012.
Bern 2040: Der Knopf im Schuhbändel
Nach drei Szenarien der Krisen und Blockaden kommen Stefan von Bergen und Jürg Steiner zu jener Zukunftsvision für das Jahr 2040, die als ungeschriebenes Gegenstück längst in den Krisenszenarios schlummerte: Sie beschreiben mit Herzblut „wie Bern in dreissig Jahren strukturelle und mentale Blockaden überwunden hat.“
Und doch kommt einem diese angeblich ferne Zukunft bekannt vor. Sie liest sich als heimlicher Wunsch an die heutige Politik: Grimsel ist gebaut und Grossbern fusioniert. FDP und Grünliberale stellen die Mehrheit, die „konservativen Parteien SVP und SP“ sind in der Opposition, die Burgergemeinde steht als Entwicklungsverhinderin unter Druck. Ein umfassender Nachhaltigkeitsplan ist umgesetzt. Die soziale Frage ist in Wichtrach konzentriert und die Kultur perfekt verteilt: Musical und Theater in Thun, Museen und Kunst in Bern, die junge Musik- und Tanzszene in Biel. Überhaupt Biel, mit Fachhochschulcampus und Innovationszone, boomt und ist ab 2030 Serien-Schweizer Meister im Eishockey. Bauherren hätten gerne mehr lukrative Wohnsiedlungen an der Goldküste des Bielersees. Unternehmer fordern mehr Freiheiten, der Nachhaltigkeitsplan erinnert Mark Hayek an Lenins Neue Ökonomische Politik (NEP), mit der dieser „die individuellen Freiheiten ausgehebelt habe“. Sieht so eine Vision aus? Leidenschaft will sich nicht einstellen. Das Motto der FDP-Gemeindepräsidentin von Gross-Bern „Eigenverantwortung, Eigenständigkeit (welche?), Beharrlichkeit“ bleibt blutleer. Bei Steiner/von Bergen lösen sich mentale und strukturelle Blockaden wie der Knopf im Schuhbändel, wenn man dran zieht. Kindern muss man dabei manchmal helfen. Eine Welt voll kalter Rationalität und verordneter Eigenverantwortung. Widersetzlichkeit, Engstirnigkeit, uferlose Grossherzigkeit, gesellschaftliche Umwege, scheinbar sinnlos verschwendete Emotionen haben ebenso wenig Platz wie die Erfahrung, dass sich der Knopf manchmal stärker festsetzt, je mehr man daran zerrt.
Wie organisiert sich die Gesellschaft?
Doch wie leben die Bernerinnen und Berner im Alltag 2040, was bewegt sie, wo gehen sie zur Arbeit, zur Schule oder ins Spital? Sind die Dienstleistungen privat oder öffentlich, bezahlbar, und wie kommt man dort hin? Wie hoch sind die Löhne, was machen die Menschen in der Freizeit, woher kommen die Kartoffeln, die Milch, der Wein? Und vor allem: wie stark ist die Bindungsfähigkeit der Gesellschaft: interessieren sich die Menschen für einander, tauschen sie sich aus, feiern sie Feste, nehmen sie Rücksicht? Oder leben sie getrennt, vereinzelt, und wird der Zusammenhalt durch strukturelle oder physische Gewalt definiert? Wir erfahren nichts davon. Das Motto „Eigenverantwortung, Eigenständigkeit, Beharrlichkeit“ kennt keinen Platz für die Gesellschaft.
Begeben wir uns also versuchsweise ebenfalls auf die Reise ins Jahre 2040, und nehmen wir ebenfalls das optimistische Szenario – die Zustände haben sie mehr durch Einsicht als Auseinandersetzungen geändert. Wir wissen nicht: sind Schulen, Spitäler und andere öffentliche Dienstleistungen vollständig privatisiert oder weiterhin öffentlich. Wir nehmen eine mittlere Variante: Zum Glück brachte das UNO-Jahr der Genossenschaften 2012 mit etwas Verzögerung eine beeindruckende Weiterentwicklung der gemeinnützen Organisationsformen. Einen grossen Anteil hatte Diozösan-Caritasdirektor Andreas Meiwes aus Essen, welcher der Bevölkerung bewusst machen konnte, dass Caritas als gemeinnützige Organisation mit 500‘000 Angestellten das grösste Unternehmen Deutschlands überhaupt darstellt. In den folgenden Jahren förderte auch der Kanton Bern die Rahmenbedingungen für Genossenschaften und gemeinnützige Institutionen massiv und sorgte für soziale und regionale Ausgleichsmechanismen, sodass der Anteil dieser Institutionen am Bruttosozialprodukt von zehn Prozent auf gegen vierzig Prozent stieg. Diesem Gedanken haben sich auch immer mehr KMU verpflichtet. Als besonders wichtig für die Qualität der Dienstleistungen hat sich die breite Mitsprache der Betroffenen erwiesen. So liess sich ein enormes Potential an freiwilligem Engagement mobilisieren. In der Folge haben sich auch die Lohnunterschiede und der Anteil der Gewinne wieder auf ein normales Mass eingependelt – aus Einsicht, wie wir gerne annehmen. Das wiederum hat dazu geführt, dass dank dem Produktivitätsfortschritt nach jahrelangem Stillstand auch die Arbeitszeit wieder langsam zu sinken begonnen hat. Kultur entfaltete sich in zahlreichen Formen und Vernetzungen. Die Volksmusik erlebte insbesondere in der Stadt einen ungeahnten Aufschwung nach Annahme der Initiative „Jedem Kind ein Instrument“. Das Stadttheater am Kornhausplatz machte einem weithin sichtbaren, architektonisch beeindruckenden Neubau Platz, während die Zusammenarbeit des Ensembles mit der freien Szene immer intensiver wurde und Gastspiele überall im Kanton stattfanden.
Die unterschätzte Rolle der second@s
Grossen Anteil am wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung des Kantons Bern hatten die secondos und secondas. Mit der besseren Verteilung von Arbeit, Bildung und Einkommen und der Beteiligung der ausländischen Wohnbevölkerung am politischen Entscheidprozess wurden früh, jedoch nach heftigen Abstimmungskämpfen, die Voraussetzungen geschaffen. Just 2040 wurde Chemieprofessor Halua Pinto de Magalhães zum Rektor der Berner Fachhochschulen ernannt, wobei neben seiner unbestrittenen Fachkompetenz auch die Interdisziplinarität aufgrund seines politischen und gesellschaftlichen Engagements eine Rolle spielte. Bei der Antrittsrede setzt er zum Gaudi des Publikums nochmals seine alte Dächlikappe aus der Zeit als JUSO-Stadtrat auf.
Angesichts der nie fertig gebauten Sawiris-Projekte in Andermatt, dem Rückzug der Chinesen aus Gadmen und dem Skandal um fehlende Baubewilligungen im eigenen Dorf suchte Grindelwald im Tourismus einen anderen Ansatz. Tourismusdirektor Daniel Schild setzte ganz auf ein partnerschaftliches Verhältnis mit den indischen Gästen. Er konnte dafür auf seine indische Frau zählen ebenso wie auf seine Grindelwaldner Mutter und den japanischen Vater. Im Zuge der Genossenschaftsbewegung wurden die Gesetze des Grindelwaldner Taleinungsbrief aus dem Jahre 1404 aufgewertet und wieder besser respektiert. Für das Jahr 2054 wird das 650 jährige Jubiläum einer der ältesten noch gültigen genossenschaftlichen Verfassungen gefeiert in Partnerschaft mit Hampi, der ehemaligen Hauptstadt des Königreichs Vijayanagar in Südindien und seit 1986 UNESCO-Weltkulturerbe. Auch Bern hat die Tradition des Stadtfestes wieder aufgenommen: Zuerst mit einem grosses Fest zum Thema 19. Jahrhundert. Im Jahre 2036 feierte man unter dem Motto „regionale Metropolen“ zusammen mit der Partnerregion München, was insbesondere die Basler wurmte, da eine enge Zusammenarbeit zwischen YB und dem FC Bayern München vereinbart wurde im Hinblick auf die gemeinsame Fussball-Liga der deutschsprachigen Regionen.
Partizipation statt Fusion
Der Solar- und Windpark Grimsel wurde viel früher fertig gestellt als geplant, während das Bundesgericht der KWO in Sachen Staumauer zwar Recht gab, ewb als Nachfolgeorganisation der BKW allerdings wegen fehlender Wirtschaftlichkeit auf den Ausbau verzichtete. Das unterirdische Tram durch Bern wurde zwar gebaut, aber nur wenig benutzt, da die meisten Leute lieber den Weg durch die autofreie Innerstadt nahmen und die Zahl der PendlerInnen dank Telearbeit, Elektrobikes und dezentralen Arbeitsplätzen stark abgenommen hatte. Auch die Frage der Gemeindefusionen hatte sich spätestens nach dem Beitritt der Schweiz zur EU als obsolet erwiesen. Die EU selbst machte einen tiefgreifenden, schmerzhaften und heftig umstrittenen Reformprozess durch, nach dem die binnenwirtschaftlichen Ungleichheiten ausgeglichen und die demokratischen Verfahren gestärkt wurden. Dies bewirkte insbesondere eine Stärkung der regionalen Autonomie. Den Anfang machte die Tripartite Metropole Oberrhein, die am 9. Dezember 2010 gegründet wurde, nachdem der Oberrhein bereits seit 1990 eine Pilotregion der EU bildete. Bern litt längere Zeit unter regionalen Animositäten und der fehlenden demokratischen Legitimation von SARZ („es sarzt“ wurde zu einer stehenden Redewendung). Die Neue Nachhaltigkeitspolitik existierte zwar auf dem Papier, aber leistete kaum mehr, als je nach Thema die Ebene der politischen Entscheide festzulegen. Die konkreten Probleme mussten immer wieder neu ausgehandelt werden, nicht zuletzt, weil es in allen Fällen eine breite demokratische Abstützung brauchte. Debatten wurden oft sehr heftig geführt und das Resultat fiel nicht immer logisch aus, dafür jedoch alltagstauglich. Als frühes Beispiel wurde oft die Abstimmung über die Zukunft des Progr in der Stadt Bern genannt. In Kandersteg trägt man Kleider aus den 1920er Jahren, im Simmental baute man das höchste Hochhaus der Alpen, „um es den Davosern zu zeigen“, lautete ein Argument. Das geografische Institut der Uni Bern hatte bereits 2013 unter Verweis auf eine Studie der UNEP darauf hingewiesen, dass sozialer Ausgleich und Partizipation zu den Schlüsselherausforderungen des 21 Jahrhundert zählten.
Text am 6.5.2012 an BZ geschickt