Wenn Krähen schlitteln
Ein kleines bisschen Schnee reicht. Dann kann ich vom Fenster meines Arbeitszimmers ein unvergleichliches Schauspiel verfolgen: Sie schlitteln wieder, und das mit grosser Begeisterung. Es ist erstaunlich, wie wenig von der weissen Unterlage dafür notwendig ist.
Es kommen manchmal mehrere, und obwohl es daneben genügend Platz hätte, benützen alle immer dieselbe Schlittelbahn, und das mehrmals hintereinander. Dafür stellen sie sich schön in der Reihe nach an, meist unten wo die Bahn endet. Nach erfolgter Abfahrt schütteln sie sich etwas, und der oder die nächste fliegt mit zwei drei Flügelschlägen nach oben auf den Dachfirst für die nächste Schlittelfahrt – ja, ich beobachte Krähen beim Schlitteln.
Dachlandschaften
Der Ort des Geschehens ist das Dach an der Thunstrasse 87. Ich weiss nicht, ob die Bewohner*innen wissen, was auf ihrem Dach abgeht. Ich weiss auch nicht, weshalb die Krähen ausgerechnet dieses Dach ausgesucht haben. Wohl nicht, weil das Nachbarhaus eine Kleintierpraxis beherbergt. Ich habe dort noch keine Krähe ein- oder ausgehen sehen.
Das Dach hat wohl die richtige Neigung, keine Dachgauben stören, und vielleicht ist die Schlittelbahn auch leicht seifig, denn selbst bei trockenem Wetter lässt sie sich anhand der etwas helleren Farbe der Ziegel erahnen. In unmittelbarer Nachbarschaft hat ein Krähenpaar einen festen Sitzplatz hat auf dem Schornstein an der Thunstrasse 95, mit bestem Überblick über die Dachlandschaft.
Sie sitzen häufig dort, plustern sich auf, nicken mit dem Kopf – das soll der Orientierung dienen. Manchmal sieht es aus, als küssten sie sich, sie «schnäbeln». Das wird bei Krähen als Abbau von Stress und Stärkung der sozialen Bindung gedeutet. Ich habe dieses Paar schon direkt vom Schornstein zur Schittelbahn fliegen sehen, sie besetzen hier wohl ein Revier. Die andern von der Schittelpartie sind vermutlich Freunde und Verwandte.
Schlittel-Techniken
Im weltweiten Netz gibt es nur gerade zwei kurze, vergleichbare Aufnahmen: Aus Russland stammt ein Video, in dem eine Krähe auf einem Bierdeckel ein Dach hinab schlittelt. Eine weitere Krähe benutzt einen Karton als Snowboard. «Meine» Krähen benützen kein Gefährt, sondern rutschen ganz simpel auf dem – wie sagt man bei Krähen? – Hosenboden nach unten, manchmal leicht instabil zur Seite geneigt und mit den Flügeln schlagend. Aber das wäre wohl etwas zu viel verlangt, dass sich mehrere Krähen auch noch den Schlitten teilen. Wissen wir Menschen ja.
Leider habe ich von «meinen» Krähen nie eine Aufnahme gemacht: zu fasziniert war ich jeweils, und zu weit weg schien mir das Dach. Im Zeitalter der Videobeweise – fake Videos ausgenommen – hätte ich es doch machen sollen, da «mit eigenen Augen gesehen» journalistisch längst nicht mehr den gleichen Stellenwert hat.
Doch als Augenzeuge kann ich versichern: sie können schlitteln, die Krähen, und sie tun es auf dem Nachbardach an der Thunstrasse. Sobald ich sie diesen Winter dabei beobachte, werde ich ein schummrig-wackeliges Video drehen. Leider kann ich sie noch nicht fragen, ob sie für mich extra eine Abfahrt zu organisieren.
Thomas Göttin 26.12.2025