Idee Abfallbewirtschaftungszentrum
Ökologisch: Verständnis für die Abfallbewirtschaftung
Sozial: Sinnvolle Arbeitsplätze für Erwerbslose
Ökonomisch: Sparsamer Umgang mit Ressourcen
Ausgangslage
An der Zukunftswerkstatt Lokale Agenda 21 vom Juni 2003, einer Impulstagung für die nach-haltige Quartierentwicklung wurde der von einer Aktionsgruppe erarbeitete Projektvorschlag Egelsee Plus neu aufgenommen. Daraufhin haben sich interessierte Quartier- und Fachleute mit der Quartierarbeit Ost und Nord (Organisationen der vbg) zur Initiativgruppe Abfallbe-wirtschaftung zusammengeschlossen. Ihre Zielsetzung ist, den von der Basis erarbeiteten Projektvorschlag Egelsee Plus zu einem standortunabhängigen und in das neue Abfall-konzept der Stadt Bern integrierten Projekt zu überarbeiten und die Idee voranzubringen. Ein nachhaltiges Abfallbewirtschaftungssystem verlangt auch eine von Sabine Schärrer einge-reichte und vom Stadtparlament als dringlich bezeichnete Motion (ReJob! Recycling: ökologisch - ökonomisch - sozial, 24. Juni 2004).
Die Idee
In den neu geplanten Entsorgungshöfen Nord und West der Stadt Bern soll eine neue Dienstleistung angeboten werden. Die im Entsorgungshof als Abfälle abgegebenen Gegenstände oder Teile davon werden – soweit sie sich dazu eignen – einer sinn-vollen Weiterverwendung oder Verwertung zugeführt. Der Entsorgungshof wird so zum Bewirtschaftungszentrum, grosse Mengen von Abfällen, die für gutes Geld beseitigt werden müssten, kehren in den Wirtschaftskreislauf zurück.
Dass solche Angebote genutzt werden, zeigen Erfahrungen aus anderen Städten. Auch in Bern Ost sind die BRING- und HOL-Tage beim Tramdepot Brunnadern zur geschätzten Tradition geworden. Mehrere Tonnen Gebrauchsgegenstände finden jedes Jahr neue Be-sitzerInnen. Die Initiativgruppe schlägt vor, Gelegenheiten zum Tausch von noch Brauch-barem das ganze Jahr hindurch anzubieten. Dazu sollen die geplanten Entsorgungshöfe als Bewirtschaftungszentren eingerichtet werden, die nicht nur Abfälle zur Entsorgung entgegen-nehmen, sondern auch Brauchbares wieder an die Bevölkerung abgeben. Die Umsetzung eines solchen Vorhabens erfordert die Berücksichtigung vieler Aspekte, die im Zusammen-spiel die angestrebte Nachhaltigkeit gewährleisten.
Vom Entsorgungshof zum Bewirtschaftungszentrum
Schon heute wird in den Entsorgungshöfen Verwertbares (wie Papier, Metall, Glas, Elektro-schrott) abgetrennt und Recyclingbetrieben übergeben. Der grösste Teil der abgegebenen Abfälle endet aber in der KVA, wenig auf einer Deponie oder in der Sonderabfallbehandlung. In einem Abfallbewirtschaftungszentrum wird aus diesen Fraktionen noch mehr Brauch-bares aussortiert und für Leute bereitgestellt, die dies weiternutzen können, so z. B.
aus dem Papier: Bücher oder Kartonschachteln
aus dem Metall: Einzelne Gebrauchsgegenstände oder Teile davon (zum Werken)
aus dem Glas: Wiederbefüllbare Flaschen oder Verpackungen, noch brauchbares Glasgeschirr
aus dem Elektro- und Elektronikschrott: noch funktionstüchtige Geräte (Haushaltgeräte, Lampen, Unterhaltungselektronik oder Teile davon)
aus dem sperrigen Brennbaren: Möbel und Einrichtungsgegenstände, Spielzeuge, Sportgeräte, brauchbare Teile von Möbeln (Platten, Tablare, Beschläge, etc.)
aus dem Deponiegut: Bauteile, Blumentöpfe
aus dem Grüngut: Brennholz, Pflanzen
2.Wie funktioniert die neue Abfallbewirtschaftung? Ökologisch!
Unmittelbar nach ihrem Eintreffen werden die den aktuellen Auswahlkriterien entsprechen-den BRING-Gegenstände durch das städtische Personal aussortiert und der Bewirtschaftungs-Equipe übergeben. Alle anderen, nicht mehr brauchbaren Gegenstände werden wie bisher zur Verwertung oder zur Beseitigung in einer KVA weitergeleitet. Dem etwas höheren Arbeitsaufwand für diese weitergehende Triage, evtl. reduziert durch die Mitarbeit der Bewirtschaftungs-Equipe, stehen geringere Kosten für die Weiterleitung der Ab-fälle zur Beseitigung gegenüber.
Die Bewirtschaftungs-Equipe nimmt die Gegenstände entgegen und stellt diese, evtl. nach einfachen Bearbeitungsschritten (wie: Putzen, Flicken, Demontieren von Brauchbarem) geordnet zum Abholen bereit. AbnehmerInnen können QuartierbewohnerInnen oder das lokale Gewerbe sein. Aber auch eine Zusammenarbeit mit anderen Institutionen (wie: geschützte Werkstätten, Quartiertreffs, Second-hand-Börsen oder Brockenstuben) wäre zu prüfen. Das Angebot an Brauchbarem richtet sich aus auf die sich einstellenden Absatz-möglichkeiten. Was bereitgestellt und nicht weitergegeben werden kann, geht zurück resp. nimmt den üblichen Entsorgungsweg.
Bei Bedarf kann nach den Vorstellungen der InitiantInnen die Stadt darüber hinausgehende Zusatzangebote freigeben. Neu hinzu kommen dann einzelne (z.B. saisonbedingte) Aktionen, wo für genau definierte Gruppen von Gegenständen günstigere Entsorgungs-konditionen gewährt werden können. Dem Feedback der QuartierbewohnerInnen ent-sprechend können die oben erwähnten Aktionen terminiert und gestaltet werden.
3.Welche zusätzliche Infrastruktur wird benötigt? Ökonomisch!
Platz für die teilweise andere Art der Anlieferung, für die weitergehende Triage und für die Verschiebung der verschiedenen Kategorien von Abfällen
Platz für die Aufbereitung der Gegenstände, ausgerüstet mit minimaler Ausrüstung für einfache Arbeiten wie: Putzen und Flicken oder Abtrennen und Schleifen von Holz und Metall
Leicht zugängliche Lokalitäten, worin die wieder verwendbaren Gegenstände einfach eingebracht, gelagert, übersichtlich präsentiert und mühelos abgeholt werden können.
Einige zusätzliche Parkplätze sowie Rampe(n) zum Verladen von schwereren Gegenständen
4.Welche Anforderungen werden ans Personal gestellt? Sozial!
Das Aussortieren und das Bereitstellen von noch Brauchbarem sowie die Beratungs- und Hilfeleistungen an die neuen KundInnen des Bewirtschaftungszentrums stellen neue An-forderungen an das Personal und bedeuten zugleich eine Aufwertung der Arbeit. Die InitiantInnen sehen darin eine Möglichkeit, das eventuell zusätzlich erforderliche Personal der Bewirtschaftungs-Equipe im Rahmen eines Erwerbslosen-Projektes zu beschäftigen. Bei speziellen Aktionstagen kann allenfalls auch auf freiwillige HelferInnen aus den Quartier-organisationen zurückgegriffen werden. In einem umfassenden Betriebskonzept sind die Zuständigkeiten und Abläufe so festzuhalten, dass die städtische Entsorgungs-Equipe reibungslos mit der Bewirtschaftungs-Equipe zusammenarbeiten kann.
5.Was kostet die zusätzliche Bewirtschaftung?
Investitionskosten:
Die zur Bewirtschaftung erforderliche zusätzliche Infrastruktur dürfte, je nach bereits vorhandenen Möglichkeiten, die gesamten Projektkosten für einen modernen Ent-sorgungshof nur um Kosten im tiefen Prozentbereich erhöhen. Gleichzeitig lassen sich aber sehr günstige Arbeitsplätze schaffen, die mit Sicherheit nicht in Konkurrenz zum lokalen Gewerbe treten werden.
Betriebskosten:
Der Aufwand der Bewirtschaftungs-Equipe ist folgendermassen abzudecken:
durch den Verkaufserlös von Gegenständen
durch den anderweitig eingesparten Entsorgungsaufwand (Transporte, Beseitigung in KVA, Verwertung in speziellen Anlagen),
und - sollte dies nicht ausreichen -
durch Beiträge an die geschützten Arbeitsplätze.
6.Welche Aufgaben kann die Initiativgruppe übernehmen?
Sie initiiert und begleitet das Projekt in der Startphase, knüpft die notwendigen Kontakte zur Öffentlichkeit, liefert Ideen und den kreativen Punch.
Sie stellt den Quartierbezug sicher und wirkt mit bei Informationstätigkeiten im Quartier.
Einzelne Fachleute innerhalb der Gruppe wären bereit, auf Auftragsbasis zusätzliche Arbeiten zu übernehmen (z.B. Detailabklärungen, Variantenstudien, Mitarbeit als VertreterInnen der Initiativgruppe in einem Steuerungsgremium).
Schlussfolgerungen
Das Gelingen des Gesamtprojektes hängt in erster Linie davon ab, ob der Wille da ist, den Projektvorschlag voll und ganz in das neue Abfallkonzept der Stadt Bern zu integrieren und zur Umsetzung dieses integrierten Projektes eng mit den involvierten Diensten der Stadt Bern (z.B. Kompetenzzentrum Arbeit u.a.) zusammenzuarbeiten. In Gesprächen mit dem Leiter der Entsorgungshöfe hat sich bereits eine positive Grundhaltung zum Projektvorschlag abgezeichnet. Der BWB als wichtigster Partner im Bereich Erwerbslosigkeit und als er-fahrene Institution in Recyclingbereich (Glasdesign, Velostation, Baubar usw.) ist bereits in der Initiativgruppe vertreten. Ebenso die Quartierarbeit Ost und Nord (Organisationen der vbg, Vereinigung für Beratung, Integration und Gemeinwesenarbeit Bern). Zusammen mit den QuartierbewohnerInnen und Fachleuten ist die Initiativgruppe breit abgestützt und Synergiemöglichkeiten können besser genutzt werden.
Die Idee wurde von Anfang an in engem Kontakt mit der Quartierbevölkerung entwickelt. Um dieses Partizipationsprinzip sicherzustellen, bedarf es von der Planungsphase an die weitere direkte Mitwirkung der Bevölkerung sowie eine qualifizierte Begleitung. Dies bedingt, dass die Stadt Bern in einer entsprechenden Projektorganisation die verschiedenen Instanzen früh zusammenführt. Die erwähnten Organisationen aus dem Sozial- und Arbeitsbereich, Fach-leute sowie QuartierbewohnerInnen sollten in einem Leitungsgremium beteiligt sein, das das Betriebskonzept erarbeitet, die Anlage plant und realisiert. So wird der partizipative Anspruch der Lokalen Agenda 21 gefördert und den Bürgerinnen und Bürgern eine Mitverantwortung von allem Anfang an gewährt.
Die schrittweise Umsetzung der Idee könnte in einem Pilot am Egelsee beginnen und bis zur Realisierung der neuen Entsorgungshöfe laufend überprüft und angepasst werden.
Die besonderen Merkmale des Projektes sind seine Einbindung ins Quartier, die Möglich-keit einer schrittweisen Einführung, die Förderung der Eigenverantwortung, der marktwirt-schaftliche Ansatz, die Zusammenarbeit mit Erwerbslosenprogrammen und last not least die geringen Umstellungs- und Betriebskosten.
Bern, 30. Oktober 2004
Initiativgruppe Abfallbewirtschaftung