Der Chancenkanton, der keiner sein will
Die beiden Journalisten Stefan von Bergen und Jürg Steiner beschrieben 2012 in der Berner Zeitung vier Szenarien für Bern im Jahr 2040. Sie publizierten ihre Visionen auch im Buch «Wie viel Bern braucht die Schweiz?», das im selben Jahr beim Stämpfli Verlag erschien. Meine Analyse zur Zwischenzeit erschient im Mai 2026 auf Journal B. Sie ist auch eine Bestandesaufnahme zum Befinden Berns im Jahre 2026.
Im Szenario «Boom kontrolliert» zeigten sie auf, «wie Bern in dreissig Jahren strukturelle und mentale Blockaden überwunden hat» und wie 2040 «der Kanton sein Wirtschaftswachstum in geordnete Bahnen lenken und sich kühn reformieren kann.» Die drei weiteren Szenarien «Krise frontal» oder «Krise gedämpft» und «Boom ungebremst» beschreiben die unerwünschten Alternativen. Zukunftsentwürfe sagen ja, wie die Autoren selbst schreiben, vor allem etwas über die Gegenwart aus. Welchen Stellenwert hat also jene gesellschaftliche und politische Konstellation, welche für die Autoren 2012 als erfolgversprechend für die Zukunft galt, aus heutiger Sicht? 2026 ist Halbzeit: Gelegenheit für eine Zwischenbilanz.
Im Jahr 2012 sehen die beiden Journalisten den Weg in eine bessere Zukunft Berns vor allem über Grossprojekte: Das Grimselprojekt mit 300 Arbeitskräften besteht aus der neuen Staumauer, dreissig Windturbinen und einem riesigen Solarkraftwerk. Bern und die umliegenden Gemeinden haben fusioniert. Postfinance hat eine Banklizenz, Bern wird ein Bankenplatz. Eine unterirdische Tramlinie führt durch Bern. Die Globalisierung hat Bern gepackt: Das Dorf Gadmen wird von der chinesischen Reederei Cosco als Entwicklungshilfeprojekt übernommen. Die Faszination für China schimmert auch in den anderen Szenarien durch: Das Konzert Theater Bern heisst nach dem neuen Geldgeber «Huawei Theater&Sound Berne». Drei chinesische Firmentürme von IT-Unternehmen und ein siebenstöckiger Asian Supermarket stehen im Liebefeld. Es ist das Bild einer angebotsorientierten, liberalen Wirtschaft, in welcher der Staat vor allem die Aufgabe hat, diese auch durchzusetzen.
Der kontrollierte Boom wird möglich dank FDP und GLP, die fusioniert haben und in Stadt und Kanton die politische Mehrheit bilden. Sie stellen mit Ursina Schwarz die Stadtpräsidentin – eine klare Spitze gegen die damalige, profilierte SP-Gemeinderätin Ursula Wyss.
2026 zeigt sich: Nichts von dem ist unterwegs. Die meisten Grossprojekte werden wohl nie realisiert und nichts scheint weiter entfernt als der unbeirrte Glaube an China und die Globalisierung. «Wir wussten, dass die Geschichte der regelbasierten internationalen Ordnung teilweise falsch war», analysierte der kanadische Premierminister Mark Carney 2026 am Weltwirtschaftsforum in Davos klarsichtig: «Dass sich die Stärksten bei Bedarf davon ausnahmen, dass Handelsregeln asymmetrisch durchgesetzt wurden. Und wir wussten, dass das Völkerrecht je nach Identität des Beschuldigten oder des Opfers mit unterschiedlicher Strenge angewendet wurde. Also (…) nahmen wir an den Ritualen teil und vermieden es weitgehend, die Kluft zwischen Rhetorik und Wirklichkeit zu benennen.»
2026 sind auch das unterirdische Tram Gemeindefusionen, ebenso Waldstadt Bremer und Bypass Ost (aus dem Szenario «Boom unkontrolliert») passé. Das Kreditverbot der Postfinance besteht weiter. Der Grimsel-Ausbau wurde reduziert und mit Ausgleichsmassnahmen versehen. Mit der «Berner Methode» wurde dabei sogar ein innovatives Instrument zur Abwägung von Energie- und Umweltinteressen entwickelt.
Und doch befindet sich Bern keineswegs in einem der Krisenszenarien von 2012, wo Landgemeinden bankrott gehen und im Grossraum Bern die letzten Grünflächen gegen Widerstand der «ergrauten Grün-Allianz» und der Ökofundis überbaut werden.
Eine mehrheitsfähige FDP-GLP Koalition ist zur Halbzeit weder auf Kantons- noch auf Stadtebene in Sicht. Vielmehr tragen die links-grünen Parteien Dynamik in die Agglomeration. Aber vielleicht ist schon die Annahme falsch, dass nur eine FDP-GLP Koalition den Kanton weiter bringt.
Der Wirtschaftsraum Bern ist stärker als gedacht
Im Gegenteil weist der Wirtschaftsraum Bern gemäss Analyse 2025 das grösste Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf aus von allen Schweizer Wirtschaftsräumen. «Diese starke Stellung entspricht weder der Selbst- noch der Aussenwahrnehmung Berns», stellt der Leiter des Berner Wirtschaftsamtes Hansmartin Amrein fest. Gemäss dem Wirtschaftsmonitoring 2025 der Regionalkonferenz Bern-Mittelland weist Bern durch eine breit gefächerte Wirtschaftsstruktur 2025 eine hohe Resilienz aus, ist in Wachstumsbrachen gut positioniert und stark im Export von Pharmaprodukten. Baubewilligungen werden deutlich schneller als in Zürich ausgestellt.
Der Wirtschaftsraum lässt sich übrigens sehen: am 5. Juni 2026 findet die erste Berner Wirtschaftsnacht statt im Industriegebiet zwischen Bern und Ostermundigen.
Die gute Wirtschaftslage hat allerdings auch ihre Schattenseiten. So ist es für Menschen mit bescheidenem Einkommen schwierig, eine zahlbare Wohnung zu finden. 2025 standen so wenige Wohnungen leer wie seit 2013 nicht mehr, und die Schere bei Einkommen und Vermögen öffnet sich weiter. Bern macht hier keine Ausnahme.
In der aufgeräumten Welt von 2012 verstellen sich Steiner und von Bergen selber den Blick auf spannende Entwicklungen im sozialen und kulturellen Bereich: Frühförderung an den Schulen, Berner Modelle bei der Kostenmiete oder der Quartiermitwirkung, Progr und Reitschule, sind weniger spektakulär und sichtbar, aber weitherum bekannt und tragen viel zur Lebensqualität in Bern bei. Die Region Bern hat Zugkraft für die Bevölkerung des ganzen Kantons.
Es war am Wahlsonntag 2026 in einem Interview mit den Tamedia-Zeitungen bezeichnenderweise die neugewählte Grüne Regierungsrätin Aline Trede, die den Ton setzte: «Ich habe jetzt so oft gehört, was in diesem Kanton alles schlecht sei – übrigens mehrheitlich von Bürgerlichen, die ja eine Mehrheit haben. Ich möchte aus Bern einen Chancen-Kanton machen.»
Berner Modelle im Sozial- und Kulturbereich
Die gesellschaftliche Vision von Steiner und von Bergen gründet auf dem Unternehmertum eines Marc Lüthi. Sein Erfolgsmodell SCB ist das «Gegenprogramm zur satten Verwaltungsstadt». Es entbehrt nicht der Ironie, dass 2026 ebendieser Marc Lüthi seinen abrupten Rücktritt verkündet hat und der SCB bereits vor den Playoffs ausgeschieden ist. In ihrer aufgeräumten Welt der Grossprojekte haben soziale Themen keinen Platz. Abgehandelt werden sie als Probleme einer Banlieue im Aaretal, wo der Gemeindepräsident tamilischer Herkunft ist: Onlinesucht, Jugendgewalt, Jugendarbeitslosigkeit, Drogen, heruntergekommene Wohnviertel in Wichtrach.
So verstellen sich die Autoren 2012 selbst den Blick auf Entwicklungen der letzten Jahre im Sozial- und Kulturbereich. Bern hat als erste Stadt die Frühförderung in den Schulen eingeführt, welche die Familiensituation einbezieht. Es gibt das «Berner Modell» zur Berechnung der Kostenmiete, ebenso das «Berner Modell» in der Mitwirkung zwischen Stadtbehörden und Quartierorganisationen. Die Einführung von Tempo 30 auf Hauptstrassen in Köniz fand weit über die Region Beachtung. Der «Velosack» – die Möglichkeit, sich als Velo bei einem Rotlicht zuvorderst einzureihen – ist eine Berner Erfindung. Der Progr und die Reitschule sind über die Landesgrenzen bekannt, ebenso das Kunstmuseum mit der souveränen Aufarbeitung der Gurlitt-Sammlung. Der Story True Award wird in Bern für hervorragende Reportagen aus der ganzen Welt vergeben. Gewiss entscheidet ein Velosack allein nicht über Lebensqualität. Doch es sind die vielen kleinen, gemessen an Grossanlagen beinahe unsichtbaren Elemente, welche zusammen das subjektive Lebensgefühl und damit messbar die Qualität prägen. In der Mercer Studie zur Lebensqualität, gemessen als dynamisches Zusammenspiel wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Faktoren, hat rangiert Bern in den Top Ten von weltweit 241 analysierten Städten.
Viele offene Fragen
Längst ist nicht alles gut im Kanton Bern, und Steiner/von Bergen haben unermüdlich auf kritische Punkte hingewiesen, etwa dass sich Kanton und Stadt immer wieder gegenseitig blockieren. Das ist weniger Ausdruck eines Stadt-Land-Grabens, als vielmehr gegensätzlicher politischer Mehrheiten in Stadt- und Grossrat, wie kürzlich Raphael Wyss schrieb. Nur solange eine Stadt und ihre Region – das gilt seit Jahrhunderten – genügend Freiraum haben, können sie ihre Aufgabe als Motor einlösen.
Kein Thema ist in den Szenarien von 2012 die Landwirtschaft. Hier könnte es bis 2040 grossen Innovationsbedarf geben. Während etwa in Graubünden 2023 über 60 Prozent Bio-Landwirtschaftsbetriebe zählte, sind es im Kanton Bern gerade mal 15 Prozent. Fragen bezüglich Ernährungssystem, Pestizide, PFAS, Artenvielfalt und Trockenheit stellen sich immer dringlicher. Ungelöste Probleme auf Bundesebene können die Entwicklung von Bern ebenfalls beeinflussen, etwa das unklare Verhältnis zu Europa, der starke Franken oder die Risiken des Finanzplatzes Schweiz.
Und die Genossenschaften?
Ich hatte 2012 in meiner Kritik an den Szenarien von Steiner/von Bergen auf das Potential von Genossenschaften hingewiesen. «Programm eines SP-Politikers» wurde ich von ihnen belächelt. 2025 war UNO-Jahr der Genossenschaften. Weltweit 10 Prozent aller Arbeitsplätze sind genossenschaftlich organisiert. Die Schweiz hat über 8000 Genossenschaften und steht bezüglich deren Mitgliederzahlen und Arbeitsplätzen weltweit mit an der Spitze. Dazu der UNO-Generalsekretär: «Genossenschaften sind die Lösung für viele globale Herausforderungen unserer Zeit. Sie fördern regionales Unternehmertum, ermöglichen den Zugang zu Märkten und bekämpfen weltweit Armut und soziale Ausgrenzung. Genossenschaften gestalten eine bessere Welt.» Dabei besteht auch hier durchaus Reformbedarf: Die letzte Rechtsreform von 1936 liegt bald 100 Jahre zurück und die Zahl der Genossenschaften in der Schweiz sinkt. Allerdings wird der Beitrag zum Bruttoinlandprodukt meist völlig unterschätzt. Allein die 20 grössten Genossenschaften liefern gemäss Studien 15% des BIP. Auch bei kleineren und mittleren Genossenschaften nimmt der Umsatz in der Tendenz zu. Im Espace Mittelland finden sich ein Vierteil aller Schweizer Genossenschaften – dieser Raum ist das Genossenschaftsland schlechthin und trägt mit Sicherheit auch zur resilienten Wirtschaft bei.
Zur Halbzeit 2026 wird deutlich, wie befremdlich die Visionen für 2040 waren, die Jürg Steiner und Stefan von Bergen in ihrer Serie in der Berner Zeitung von 2012 ausgebreitet haben. Das kann für Bern keine Orientierung sein. Vielmehr entwickelte sich in den letzten Jahren ein neues Selbstverständnis, getragen von den politischen Mehrheiten der Städte bis hinein in die Agglomerationen. Es wird von einem resilienten, wenn auch unspektakulären Wachstum begleitet. Ein Aushandlungsprozess über Fragen von Verteilung und Innovation mit der konservativen Mehrheit der ländlichen Gebiete steht an. Bern ist ein Kanton der Chancen. Aber er ist sich dies zu wenig bewusst.
Thomas Göttin, im Mai 2026