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Park oder Natur? – Das Renaturierungsprojekt in der Elfenau

Es handelt sich beim Projekt Aare-Elfenau um ein grosses Projekt mit sichtbaren Eingriffen in ein sensibles Gebiet. Es ist im politischen und ökologischen Gesamtzusammenhang der Aare-Aufwertung zwischen Thun und Bern zu sehen. Das entbindet nicht von der Notwendigkeit, auch die Qualität des Projektes im Einzelnen zu beurteilen. Die bisherigen Auseinandersetzungen zeigen: Viele Menschen sind mit der Elfenau-Landschaft emotional stark verbunden und betrachten jede Veränderung als störend. Auch besteht offensichtlich ein grosses Informationsdefizit. Die SP Bern-Ost möchte die festgefahrene Diskussion deblockieren und zu einer echten Aufwertung des Gebietes für Fluss und Mensch beitragen.

 

Hochwasserschutz an der Aare

Der Hochwasserschutz ist grundsätzlich zu begrüssen. Vermutlich die wirkungsvollsten Massnahmen zum Hochwasserschutz sind im Oberland und in Bern direkt bei der Schwelle zu treffen. Zwischen Thun und Bern ist ihre Bedeutung weniger gross.

a) Die Ausweitungen im Sinne von «Rückhaltemassnahmen» wirken bei normalen Hochwassern, was die grosse Mehrzahl der Fälle betrifft. Bei aussergewöhnlichen Hochwassern haben sie eine marginale Bedeutung angesichts der Wassermengen. Die Wassermenge des Hochwassers 1999 hätte mindestens einen Überflutungsbereich von 40 km2 à 2,5 m Wassertiefe benötigt, damit in Bern keine Schäden entstanden wären. Der potentiell wichtigste und grösste Überflutungsbereich zwischen Thun und Bern (Belpmoos) wird ohnehin nicht freigegeben.

b) Die Erhöhung der Durchflusskapazität ist nicht zwischen Thun und Bern aktuell und führt grundsätzlich immer jeweils weiter unten im Flusslauf zu neuen Problemen: Der Hochwasserstollen Thun ergibt mehr Wasser in Bern, das Ausbaggern des Schwellenmättelis gibt mehr Wasser flussabwärts weiter.

c) Geschiebeproblematik: Durch die Verlangsamung der Fliessgeschwindigkeit soll die Sohlenerosion gestoppt werden. Weil in der Aare wenig Geschiebe zur Verfügung steht (Ablagerung im Thunersee) nimmt der Fluss allerdings natürlicherweise entsprechend mehr Geschiebe aus der Sohle auf.

Das Projekt in der Elfenau zeigt – für sich betrachtet – nur marginale Effekte bei Hochwasser: als Rückhalteraum bringt es keinen weiteren Gewinn, da das Gebiet bei grossen Hochwassern ohnehin vollständig überschwemmt wird. Es erfolgt keine Erhöhung der Durchflusskapazität. Allerdings ermöglichen neu geschaffene Laichplätze indirekt ein Ausbaggern des Schwellenmättelis zur Erhöhung der Durchflusskapazität.

 

Chancen und Konflikte zwischen ökologischer Aufwertung und Naherholung

Das Gesamtprojekt zwischen Thun und Bern bringt insgesamt aber eine wesentliche Aufwertung des Lebensraums – als Auenlandschaft und als Erholungsgebiet. Die schnurgerade, eingezwängte Aare erhält mehr Raum. Für die Erholungssuchenden gibt es mehr Nischen, mehr Plätze zum Entdecken, zum Baden und Böötli fahren.

Das Gebiet der Elfenau wird ökologisch aufgewertet, allerdings unter Beeinträchtigung der bestehenden Parklandschaft. Ob dies unter dem Strich zu einer Auf- oder Abwertung als Naherholungsgebiet führt, ist von vielen, auch subjektiven Faktoren abhängig. Gerade in der Elfenau besteht zwischen «Natur» und Menschen eine ausgeprägte «Konflikt- und Kontakt-Zone». Was die einen als Konflikt empfinden, nehmen die andern eher als Chance für Kontakt und Entdeckungen wahr. Folgende Aspekte spielen eine Rolle:

a) Die bestehende integrale Parklandschaft des 19. Jh. wird stark verändert. Dies wird als fremder Eingriff empfunden. Es handelt sich um eine der herausragenden Stellen in der Aarelandschaft Thun-Bern.

b) Es entstehen neue Lebensräume für Kammmolche, Laichplätze für Aeschen u.a. Eine «naturnahe» Landschaft entsteht. Die Ufergestaltung mit Insel und Brücken (ähnlich wie Tierpark) kann unterschiedlich beurteilt werden. Mehr Durchblick zur Aare, neue Gestaltung und neue Lebensräume können als Aufwertung oder Verlust empfunden werden. Dies ist ein Stück weit gewöhnungsbedürftig – wir haben fixe Vorstellungen von Parklandschaften ebenso wie von «Natur».

 

d) Kinder/Familienfreundlichkeit: Der heutige Zugang über den Weg zum Krebsbach wird aufgehoben. Die Spiel- und Liegewiese wird reduziert. Die «Kinderbadebecken» werden aufgehoben – Aufsicht über Kleinkinder ist an der Aare aber immer nötig. Ein flaches Kiesufer ermöglicht ebenfalls Zugang. Zudem ist im neuen Aarelauf Baden möglich. Später gibt es möglicherweise auch ein Badebecken bei der Russischen Botschaft.

 

 

Unsere Forderungen

1 Ausleitung ganzes Gebiet der Elfenau

Das Naturschutzgebiet oberhalb des Krebsbaches muss saniert werden. Es ist Teil der Auenlandschaft – früher führte ein Aare-Arm durch das ganze Gebiet. Wenn in der Elfenau Massnahmen ergriffen werden, wäre es am sinnvollsten, die ursprünglich geplante Gesamtsanierung, welche auch den oberen Teil mit einbezieht, zu verwirklichen. Damit liessen sich Kosten sparen und die Gesamtkonzeption für die Elfenau sichtbar machen.

3 Zugänglichkeit und Sporen

Die Pläne sehen teilweise einen geraden Krebsbach vor, sowie dass die Ausleitung der Natur vorbehalten sein soll. Beides ist abzulehnen. Es ist klarzustellen, wieweit der Gestaltungsplan verbindliche Grundlage ist. Der Krebsbach und die Ausleitung müssen auf jeden Fall zugänglich bleiben.

Es ist sinnvoll, die baufällig gewordenen «Sporen» zu entfernen. Eine Sanierung wäre widersinnig, sehr teuer und hätte erst noch den Verlust von Beiträgen aus dem Renaturierungsfonds zur Folge.

 

4 Begleitmassnahmen

Zu den Begleitmassnahmen gehören insbesondere ein Informationskonzept und ein Abfallkonzept: Die Bevölkerung ist in der Projektphase und später auch vor Ort über die baulichen und ökologischen Massnahmen zu informieren. Ein Abfallkonzept sollte Massnahmen vorsehen zur Abfallvermeidung, Entsorgung inkl. WC und Hundeanlagen.

5 Information und Partizipation

Eine so wichtige Gesamtkonzeption muss im Dialog mit der Bevölkerung erarbeitet werden. Dem Informationsbedürfnis im Quartier und in der Stadt ist bisher nicht genügend Rechnung getragen worden. Eine transparentere und ehrlichere Information der Bevölkerung ist deshalb dringend nötig. Ein Zeitdruck für die Realisierung des Projektes besteht eigentlich nicht.

2 Thun-Bern: Aufwertung der Auenlandschaft und Naherholung

Thun-Bern ist ein Auengebiet von nationaler Bedeutung. Der Auenschutz ist eine Aufgabe, die meist nur eine schwache lokale Lobby hat. Die Revitalisierung und Ausweitung ist positiv, auch der Abschied von der Bagger- und Betonmentalität. Es wird Lebensraum für zahlreiche Tiere und Pflanzen geschaffen. Unter anderem werden Laichplätze von selten gewordenen Fischen wie Aeschen geschaffen. Dass die Spazierwege nicht mehr nur schnurgerade verlaufen, sorgt für Abwechslungen und Entdeckungen. Dies kann man bereits heute in den aufgewerteten Gebieten bei Rubigen erleben. Auch eine Auslichtung des Baumbestands ist verkraftbar: früher bestand entlang der Aare auch kein durchgehender «Wald». Der Aarelauf Thun-Bern ist ein wichtiges Naherholungsgebiet. Diskussionen um Naherholung verlaufen immer sehr emotional. Für viele BesucherInnen und für Böötlifahrer ist eine aufgewertete Aare sicher ein tolles Erlebnis. Die Zugänglichkeit muss erhalten bleiben.

Positionspapier diskutiert an der Mitgliederversammlung der SP Bern Ost vom 8.5.2006

 

Thomas Göttin und Felix Hauser