Aare-Elfenau: Revitalisierung und Hochwasserschutz
1. Das Wichtigste in Kürze
Es handelt sich beim Projekt Aare-Elfenau um ein grosses Projekt mit sichtbaren Eingriffen in ein sensibles Gebiet. Es ist im politischen und ökologischen Gesamtzusammenhang der Aare-Aufwertung zwischen Thun und Bern zu sehen. Das entbindet nicht von der Notwendigkeit, auch die Qualität des Projektes im Einzelnen zu beurteilen.
Das Projekt Aare-Elfenau bringt kaum etwas für den Hochwasserschutz. Als Teil der gesamten Aufwertung der Aarelandschaft zwischen Thun und Bern bringt es mehr „Natur“ vor die Haustüre der Stadt, allerdings auf Kosten einer vertrauten Parklandschaft. Ob man dies als Chance, neues zu entdecken, oder als Verlust empfindet, ist von vielen subjektiven Faktoren abhängig. Auf alle Fälle muss die Zugänglichkeit erhalten bleiben.
Das Gesamtprojekt zwischen Thun und Bern bringt insgesamt eine wesentliche Aufwertung des Lebensraums – als Auenlandschaft und als Erholungsgebiet. Die schnurgerade, eingezwängte Aare erhält mehr Raum. Für die Erholungssuchenden gibt es mehr Nischen, mehr Plätze zum Entdecken, zum Baden und Böötli fahren. Als Hochwasserschutz bei "normalem Hochwasser" bringt das Projekt einiges, wenig hingegen bei derart aussergewöhnlichen Hochwassern wie im Sommer 2005. Hier sind Massnahmen andernorts (Thun-Entlastungsstollen, Schwellen Bern) und eine effiziente Notfallplanung wichtiger.
Eine transparentere und ehrlichere Information der Bevölkerung ist dringend nötig. Sonst haben Populisten wie der Gemeinderat K.W. frei Bahn, wenn sie behaupten, die Aare zwischen Thun und Bern werde zerstört. Das Gegenteil ist der Fall!
2. Projekt Elfenau
Nur marginale Effekte bei Hochwasser
a) als Rückhalteraum bringt das Projekt keinen weiteren Gewinn, da das Gebiet bei grossen Hochwasser ohnehin vollständig überschwemmt wird.
b) keine Erhöhung der Durchflusskapazität. Allerdings ermöglichen neu geschaffene Laichplätze indirekt ein Ausbaggern des Schwellenmättelis zur Erhöhung der Durchflusskapazität .
c) Bedeutung für die Geschiebeproblematik umstritten. Wahrscheinlich kein wesentlicher Effekt. Ab Belp kaum mehr Sohlenerosion.
Chancen und Konflikte zwischen ökologischer Aufwertung und Naherholung
Das Gebiet der Elfenau wird ökologisch aufgewertet, allerdings unter Beeinträchtigung der bestehenden Parklandschaft. Ob dies unter dem Strich zu einer Auf- oder Abwertung als Naherholungsgebiet führt, ist von vielen, auch subjektiven Faktoren abhängig. Gerade in der Elfenau besteht zwischen „Natur“ und Menschen eine ausgeprägte „Konflikt- und Kontakt-Zone“. Was die einen als Konflikt empfinden, nehmen die andern eher als Chance für Kontakt und Entdeckungen wahr. Folgende Aspekte spielen eine Rolle:
a) Die bestehende integrale Parklandschaft des 19. Jh. wird stark verändert. Dies wird als fremder Eingriff empfunden. Es handelt sich um eine der herausragenden Stellen in der Aarelandschaft Thun-Bern.
b) Es entstehen neue Lebensräume für Kammmolche, Laichplätze für Aeschen u.a.. Eine „naturnahe“ Landschaft entsteht. Die Ufergestaltung mit Insel und Brücken (ähnlich wie Tierpark) kann unterschiedlich beurteilt werden. Mehr Durchblick zur Aare, neue Gestaltung und neue Lebensräume können als Aufwertung oder Verlust empfunden werden. Dies ist ein Stück weit gewöhnungsbedürftig – wir haben fixe Vorstellungen von Parklandschaften ebenso wie von „Natur“.
c) Zugänglichkeit: Der heutige Zugang über den Weg zum Krebsbach wird aufgehoben. Die Spiel- und Liegewiese wird reduziert. Die Zugänglichkeit muss auf alle Fälle integral erhalten bleiben.
d) Kinder/Familienfreundlichkeit: Die „Kinderbadebecken“ werden aufgehoben – Aufsicht über Kleinkinder ist an der Aare aus meiner Erfahrung mit den eigenen Kindern und vielen Sommern im Eichholz immer nötig. Ein flaches Kiesufer ermöglicht ebenfalls Zugang. Zudem ist im neuen Aarelauf Baden möglich. Später gibt es möglicherweise auch ein Badebecken bei der Russischen Botschaft.
Einbezug der Quartierbevölkerung
Dem Informationsbedürfnis im Quartier und in der Stadt ist bisher nicht genügend Rechnung getragen worden. Die Quartierorganisation QuaVier hat sich bisher nicht imstande gesehen, eine klare Haltung zu entwickeln.
3. Forderungen
Ausleitung ganzes Gebiet
Das Naturschutzgebiet oberhalb des Krebsbaches muss saniert werden. Es ist Teil der Auenlandschaft – früher führte ein Aare-Arm durch das ganze Gebiet. Wenn in der Elfenau Massnahmen ergriffen werden, dass wäre am sinnvollsten die ursprünglich geplante Gesamtsanierung, welche auch den oberen Teil mit einbezieht. Dieser ist nun Teil des kantonalen Projektes. Damit liessen sich Kosten sparen und die Gesamtkonzeption für die Elfenau sichtbar machen.
Zugänglichkeit
Die Pläne sehen teilweise einen geraden Krebsbach vor, sowie dass die Ausleitung der Natur vorbehalten sein soll. Beides ist abzulehnen. Es ist klarzustellen, wieweit der Gestaltungsplan verbindliche Grundlage ist. Der Krebsbach und die Ausleitung müssen zugänglich bleiben.
Begleitmassnahmen
Über Begleitmassnahmen wird in den zur Verfügung stehenden Projektunterlagen nichts gesagt. Solche sind aber wichtig. Dazu gehören insbesondere ein Informationskonzept und ein Abfallkonzept: Die Bevölkerung ist in der Projektphase und später auch vor Ort über die baulichen und ökologischen Massnahmen zu informieren. Ein Abfallkonzept sollte Massnahmen vorsehen zur Abfallvermeidung, Entsorgung inkl. WC und Hundeanlagen.
4. Gesamtprojekt Thun-Bern
Der Hochwasserschutz ist grundsätzlich zu begrüssen. Vermutlich die wirkungsvollsten Massnahmen zum Hochwasserschutz sind im Oberland und in Bern direkt bei der Schwelle zu treffen. Zwischen Thun und Bern ist die Bedeutung weniger gross.
a). Die Ausweitungen im Sinne von „Rückhaltemassnahmen“ wirken bei normalen Hochwassern, was die grosse Mehrzahl der Fälle betrifft. Bei aussergewöhnlichen Hochwassern haben sie eine marginale Bedeutung angesichts der Wassermengen. Die Wassermenge des Hochwassers 1999 hätte mindestens einen Überflutungsbereich von 40km2 à 2,5m Wassertiefe benötigt, damit in Bern keine Schäden entstanden wären. Der potentiell wichtigste und grösste Überflutungsbereich zwischen Thun und Bern (Belpmoos) wird ohnehin nicht freigegeben.
b) Die Erhöhung der Durchflusskapazität ist nicht zwischen Thun und Bern aktuell und führt grundsätzlich immer weiter unten im Flusslauf zu neuen Problemen: Der Hochwasserstollen Thun ergibt mehr Wasser in Bern, das Ausbaggern des Schwellenmättelis gibt mehr Wasser flussabwärts weiter.
c) Geschiebeproblematik: Durch die Verlangsamung der Fliessgeschwindigkeit soll die Sohlenerorsion gestoppt werden. Weil in der Aare wenig Geschiebe zur Verfügung steht (Ablagerung im Thunersee) nimmt der Fluss allerdings natürlicherweise entsprechend mehr Geschiebe aus der Sohle auf.
Aufwertung der Auenlandschaft und Naherholung
Thun-Bern ist ein Auengebiet von nationaler Bedeutung. Der Auenschutz ist eine Aufgabe, die meist nur eine schwache lokale Lobby hat. Die Revitalisierung und Ausweitung ist positiv, auch der Abschied von der Bagger- und Betonmentalität. Es wird Lebensraum für zahlreiche Tiere und Pflanzen geschaffen. Unter anderem werden Laichplätze von selten gewordenen Fischen wie Aeschen geschaffen. Dass die Spazierwege nicht mehr nur schnurgerade verlaufen, sorgt für Abwechslungen und Entdeckungen. Dies kann man bereits heute in den aufgewerteten Gebieten bei Rubigen erleben. Auch eine Auslichtung des Baumbestands ist verkraftbar: früher bestand entlang der Aare auch kein durchgehender „Wald“. Der Aarelauf Thun-Bern ist ein wichtiges Naherholungsgebiet. Diskussionen um Naherholung verlaufen immer sehr emotional. Für viele BesucherInnen und für Böötlifahrer ist eine aufgewertete Aare sicher ein tolles Erlebnis. Die Zugänglichkeit muss erhalten bleiben.
Trinkwasser
Im Raum Thun-Bern bestehen verschiedene Anlagen zur Trinkwassergewinnung aus dem Grundwasser. Hier verlangen die Gemeinden und Ingenieure als starke lokale Lobby hohe Sicherheit bei baulichen Eingriffen; Grundwasserkörper sind gegenüber Eingriffen sehr empfindlich. Eine Beurteilung, ob Trinkwasserschutz adäquat oder zu stark gewichtet wird, ist derzeit schwierig.
Partizipation der Bevölkerung
Bisher gab es wenig Partizipationsmöglichkeiten. Dies macht es schwieriger, die politischen Diskussionen im kommenden Prozess innerhalb der betroffenen Gemeinden und auf kantonaler Ebene abzuschätzen. Der Gesamtplan kommt im Sommer 2006 in die Mitwirkung. Eine so wichtige Gesamtkonzeption sollte im Dialog mit der Bevölkerung erarbeitet werden.